Performance

„The Blind Poet“ bei Foreign Affairs

Wer sind wir? Die Needcompany zeigt „The Blind Poet“ bei Foreign Affairs

The blind Poet
Foto: Maarten van den Abeele

Jan Lauwers, Grace Ellen Barkeys und ihre belgische Needcompany sind alte Festivalbekannte, immer wieder gern gesehen; auch wenn es etwas vermessen wäre, nach all den Jahren noch einmal eine Neuerfindung oder ästhetische Revolution zu erwarten. Muss ja auch nicht sein, schließlich verschmelzen sie seit den 1980er-Jahren Theater, Bildende Kunst, Tanz und Performance zu einer sehr eigenen Formsprache und haben damit einige Türen weit aufgestoßen und sämtliche Genregrenzen souverän ignoriert. Ihre neue Produktion „The Blind Poet“, die jetzt bei Foreign Affairs zu sehen ist, ist wieder so ein verwirrend schillernder Hybrid der Gattungen, Themen und Stoffe.
Texte des arabischen Poeten Abu l-’Ala al-Ma’arri (973–1057) und des andalusischen Dichters Wallada bint al Mustakfis aus dem 11. Jahrhundert treffen auf Selbstporträts und Biografien der sieben Performer. Der Ehrgeiz der Inszenierung ist nicht weniger als ein „alternatives Bild von (Welt-)Geschichte“ zu entwerfen: Wer definiert Normalitätsvorstellungen? Wie zufällig ist das, was wir für unsere Identität halten? Was sind die historischen Voraussetzungen des heutigen Europa? Was wäre, wenn an einigen Wendepunkten die Geschichte anders gelaufen wäre?
Für dieses theatralische Gedankenexperiment hilft der historische Rekurs, ein Jahrtausend  zurück, als Córdoba das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Welt war, Frauen Machtpositionen innehatten und Atheismus eine Selbstverständlicheit war. Die Inszenierung benutzt die vergangene Epoche wie einen fremden Spiegel; die Performer nutzen die Differenz ihrer unterschiedlichen Nationalitäten, Kulturen und Sprachen, um mit autobiografischen Berichten oder in Tanzeinlagen von ihren Familien und den Brüchen in ihren Biografien zu erzählen. Am Ende sind alle Identitätskonstruktionen vielleicht ohnehin nur gut erfundene Geschichten, die wir uns so lange erzählt haben, bis wir selbst daran glaubten.

Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, 10719 Berlin, Fr 15.7., 19.30 Uhr, Eintritt 15-35, erm. 10-25 €

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