Tanz

„The Complete ­Expressionist“ im HAU 2

Radikaler Künstler: Christoph Winkler sorgt mit „The Complete ­Expressionist“ für die Wiederentdeckung des Avantgarde-Pioniers ­Ernest Berk

Der Berliner Choreograph Christoph Winkler widmet sich am HAU einem halbvergessenen Veteranen der Avantgarde: dem unter anderem von Mary Wigman geprägten Choreographen, Improvisator, Tänzer, Tanztherapeuten und frühen Pionier der elektronischen Musik Ernest Berk (1909–1993). Schon die ungewöhnliche Verbindung von Modern Dance und Musique Concrète macht Berks künstlerische Arbeit interessant. Dazu kommt das in seiner Zeit alles andere als gängige Interesse an nichtwestlichen Ästhetiken und eine dezidiert politische, linke Haltung.

Fotos seiner Inszenierung wirken in der Abstraktion der Körpergesten atemberaubend modern. Es gibt einen Film, „Methusela“ von Cathy Vogan, in dem man den über 80-Jährigen sehen kann, wie er nackt tanzt und sehr klar und mit der Würde des selbstbestimmt geführten Lebens darüber spricht, wie das ist mit dem Altwerden, mit der Sexualität, mit der gegenseitigen Inspiration und dem gegenseitigen Geben, auf das es im Leben ankommt – ein sehr in sich ruhender Mann, der nicht aufhört, sich über das Leben zu freuen und zu wundern.

Berks Biografie als unabhängiger und offenbar extrem experimentierfreudiger Künstler ist beeindruckend. 1934 muss er mit seiner Frau, der Tänzerin Lotte Berk, aus Nazi-Deutschland emigrieren. In London gründet er ein Studio für elektronische Musik und eine Improvisationsgruppe; pa­rallel arbeitet er weiter als Solotänzer – ein Radikaler des Tanzes.

Nach der Rückkehr nach Berlin in den 1980er Jahren gelingt es dem Remigranten nicht mehr, größere Anerkennung zu finden, spätestens nach seinem Tod 1993 ist Berk nur noch Spezialisten ein Begriff.
Mit seiner Inszenierung „The Complete Expressionist“ unternimmt Christoph Winkler nicht weniger als eine Ehrenrettung und die Rekonstruktion einiger Choreographien und Kompositionen Berks, die zwölf Tänzer und die Musiker groupA, Rashad Becker und die Performerin Pan Daijing aus Südchina neu interpretieren. Ein Rahmenprogramm mit Filmbeiträgen, Berks Videokunstexperimenten, Hörstationen mit seinen Kompositionen und Vorträgen eröffnet die Chance der Wiederentdeckung eines außergewöhnlichen Künstlers.

HAU 2 Hallesches Ufer 32, Kreuzberg, So 28.1., 18.30 Uhr, Mo 29., Di 30.1., 19.30 Uhr, Eintritt 17,60 € – 22 €

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