Kommentar

„Theater-Abenteuer“ von Peter Laudenbach

Kaum zu glauben, dass Theaterkritik einmal so ein tolles Abenteuer war!

Peter Laudenbach

Die detailscharf ­recherchierte und glänzend geschriebene neue Biografie, mit der Deborah Vietor-Engländer das Leben Alfred Kerrs erzählt, ist auch eine Kultur- und Theatergeschichte der frühen Moderne. Kerr, neben Herbert Ihering der mächtigste, witzigste und, wenn es sein musste, auch bösartigste Theaterkritiker der Weimarer Republik, ist eine schillernde Gestalt.
Der Feuilleton-Star hilft, Ibsen und Hauptmann (die damals neue, radikale Dramatik) durchzusetzen. Für Brecht hat er nur Hohn und Spott übrig. Selbstbewusst sieht sich Kerr nicht als Dienstleister und Servicekraft des Kulturbetriebs, sondern als Künstler aus eigenem Recht – eine Art Dichter im Literaturkampf, neben dem die heutige Theaterkritik wie das Feld harmloser, beflissener Zwerge wirkt.
Nicht nur deshalb liest man seine neue Biografie mit Faszination und Neid, sondern auch, weil Theater (und der Kampf um die neuen Autoren und Formen) in Kerrs Zeit so selbstverständlich im Zentrum der kulturellen Öffentlichkeit stand – keine Spur von Relevanzfragezeichen.
Eine Pionierleistung gelingt Vietor-Engländer in der Schilderung der Exiljahre. Der von den Nationalsozialisten geflohene Kerr und seine Familie lebten in der Emigration in Paris und London am Rand der Armutsgrenze. In Deborah Vietor-Engländers klugem Buch lernt man einen eigenwilligen, hin­reißenden Menschen kennen.

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