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Theater in Kreuzberg: Politisch, international und experimentell

Theater in Kreuzberg sind Hochburgen der freien Szene. Den Theaterkanon Deutschlands sucht man hier vergeblich, wer auf der Klassenfahrt Lessing, Schiller oder Goethe sehen will, muss dafür in andere Stadtteile. Kreuzberg hingegen ist multidisziplinär, international und aufregend. Was die Theater bieten und was sie ausmacht, lest ihr hier.


HAU

„Tanz im August“ ist eine der regelmäßigen Festivalveranstaltungen, für die das HAU so berühmt ist. Foto: Imago/Schöning

Performancekunst von Weltrang erleben, zwischendurch noch experimentellen Sounds lauschen oder in Debatten einsteigen, die für manches Uniseminar zu komplex sind? Geht alles im HAU, einem etwas unübersichtlichen Zusammenschluss verschiedener Bühnen der freien Szene mit ganz unterschiedlicher Ausrichtung. HAU, das steht für Hebbel am Ufer, hervorgegangen aus dem Schaubühnen-Prototyp am Halleschen Ufer, dem renommierten Hebbel-Theater und dem Theater am Ufer, einer kleinen Hinterhofbühne, die nach dem Mauerfall entstanden war.

Gewissermaßen erfunden wurde das heutige HAU von Matthias Lilienthal, der zuvor in den 1990er-Jahren Frank Castorfs Chefdramaturg war. Er machte die Häuser zu einem Ort für die Berliner Theater-Avantgarde. Unter seiner Nachfolgerin Annemie Vanackere sind internationale Gastspiele zu einer bedeutenden Stütze des Spielbetriebs geworden, ein Aushängeschild des HAU ist auch das jährliche Festival „Tanz im August“. Die drei ehemals unabhängigen freien Bühnen sind durchnummeriert, seit 2020 gibt es auch ein HAU4: Kein anderes Theater in Berlin geht so offensiv mit der Digitalisierung um, das Online-Programm steht gleichberechtigt neben dem analogen Live-Betrieb. Mit der HAU-Intendantin sprachen wir über ihre Pläne für die nächsten Jahre, ihren Führungsstil und Berlin als Risikokapital.

  • HAU1 Stresemannstraße 29, Kreuzberg
  • HAU2 Hallesches Ufer 32, Kreuzberg
  • HAU3 Tempelhofer Ufer 10, Kreuzberg, Tel. 030/25 90 04 27, www.hebbel-am-ufer.de

Ballhaus Naunynstraße

Hinter der Altbaufassade verbirgt sich das Ballhaus Naunynstraße, eins der spannendsten Theater in Kreuzberg. Foto: Imago/Schöning
Hinter der Altbaufassade verbirgt sich das Ballhaus Naunynstraße, eins der spannendsten Theater in Kreuzberg. Foto: Imago/Schöning

Postmigrantisch, was heißt das überhaupt? Der Begriff wird verwendet, um eine durch Zuwanderung geprägte Gesellschaft zu bezeichnen – und damit alle daran anschließenden Aushandlungsprozesse in den Blick zu nehmen. In Deutschland geprägt hat den Begriff Shermin Langhoff, die mittlerweile das Maxim Gorki Theater leitet. Aber wenn man wissen möchte, was postmigrantisches Theater bedeutet, sollte man einen Abend dort verbringen, wo es anfing: im Ballhaus Naunynstraße.

Das ehemalige Berliner Ballhaus war schon seit den 1980er-Jahren ein Raum für Kultur und Theater, doch erst 2008 übernahm Langhoff das Haus und brachte Perspektiven auf die Bühne, die so gar nicht im Einklang mit dem konservativen Kanon stehen. In Performances, Sprechtheaterstücken, auf Festivals, mit Diskursveranstaltungen und künstlerischen Produktionen ist hier ein Raum entstanden, der zeigt, wie vielfältig die Lebenswirklichkeit in Deutschland ist – und wie komplex die Debatten über Identität, (Post-)Kolonialismus und über eine Gesellschaft, die ihre eigene Migrationsgeschichte zu verstehen lernen muss. Die Geschicke des Theaters in Kreuzberg werden seit Langhoffs Wechsel ans Gorki vom brasilianischen Künstler Wagner Carvalho geleitet.

  • Ballhaus Naunynstraße Naunynstraße 27, Kreuzberg, Tel. 030/75 45 37 25, mehr Infos, Programm und Karten hier

English Theatre Berlin

Die Mühlenhaupthöfe in Kreuzberg sind Spielstätte des English Theatre Berlin und Theater Thikwa. Foto: English Theatre Berlin
Die Mühlenhaupthöfe in Kreuzberg sind Spielstätte des English Theatre Berlin und des Theaters Thikwa. Foto: English Theatre Berlin

Berlins erstes rein englischsprachiges Theater befindet sich in Kreuzberg – und folgte zur Gründung im Jahr 1990 noch einem ganz anderen Konzept. Die Theatergruppe trat erstmals unter dem Namen „Freunde der italienischen Oper“ zusammen, was weitaus weniger abseitig klingt, wenn man weiß, dass das im Film „Manche mögen’s heiß“ der Deckname der Mafia ist. Die Gruppe spielte zunächst auf Deutsch, aber schon im Winter 1990 wurde das erste englischsprachige Gastspiel aufgeführt.

Die englischsprachige Szene wurde immer wichtiger, sodass das von Bernd Hoffmeister und Martin Kamratowski gegründete Theater 1993 komplett auf Englisch umstellte. Den Namenszusatz „Friends of the Italien Opera“ legte das English Theatre erst 2006 ab.

Das Theater in Kreuzberg teilt sich seine Bühnen mit dem Thikwa-Ensemble an der Fidicinstraße. Das English Theatre bezeichnet sich selbst als „International Performing Arts Centre“ und teilt das Programm in vier Blöcke: eigene Produktionen, Gastspiele von Berliner und internationalen Künstler:innen, außerdem Performances aus dem Musik- und Comedybereich sowie kulturelle Bildungsangebote.

  • English Theatre Berlin Fidicinstraße 40, Kreuzberg, Programm, Infos und Tickets hier

Theater Thikwa

Thikwa heißt eines der bemerkenswertesten Theater in Kreuzberg: Schauspieler:innen mit und ohne Behinderung spielen dort gemeinsam. Im Bild: die Tanzproduktion "Stabat Mater". Foto: Imago/Christian Ditsch
Thikwa heißt eines der bemerkenswertesten Theater in Kreuzberg: Schauspieler:innen mit und ohne Behinderung spielen dort gemeinsam. Im Bild: die Tanzproduktion „Stabat Mater“. Foto: Imago/Christian Ditsch

Menschen mit Behinderungen werden vielfach vom gesellschaftlichen Leben in Deutschland ausgeschlossen, das so aufgebaut ist, dass ein Miteinander oft schlicht nicht möglich ist. Das Konzept der Inklusion versucht das zu ändern, und kaum ein Ort in Berlin ist so inklusiv wie das Theater Thikwa. Hier erarbeiten Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Bühnenstücke, die teils auf ihre jeweils besondere Situation eingehen, teils aber auch schlicht herrliche Auseinandersetzungen mit Theaterklassikern sind. Das hat nicht nur zu Theaterpreisen geführt, sondern auch zu Gastspiel-Einladungen auf der ganzen Welt.

In unmittelbarer Nähe zum Theater in Kreuzberg befindet sich auch die Thikwa-Werkstatt, in der Menschen mit Behinderung künstlerisch ausgebildet werden, sei es für Bühnenauftritte oder im Bereich der bildenden Kunst.

Das Theater Thikwa musste lange ohne eigene Spielstätte auskommen, aber seit 2006 hat das Ensemble einen festen Platz in den Mühlenhaupthöfen an der Fidicinstraße. Die beiden kurz F40 genannten Bühnen teilt es sich mit dem English Theatre Berlin, sodass hier zwei Theater in Kreuzberg ihre Abende gestalten.

  • Theater Thikwa Fidicinstraße 40, Kreuzberg, Tel. 030/61 20 26 20, Tickets, Infos und Programm hier

Vierte Welt

Die Vierte Welt ist keine Bühne im klassischen Sinne. Der Veranstaltungsraum am Kottbusser Tor ist in einer ehemaligen Arztpraxis untergebracht. Foto: Vierte Welt

Theater in Kreuzberg sind oft klein und unkonventionell. Besonders gilt das für die 2010 eröffnete Vierte Welt: Der Veranstaltungsort befindet sich am Kottbusser Tor in einer ehemaligen Arztpraxis, was die Bühnensituation durchaus besonders macht. Es gibt einen einzigen Raum, der flexibel auf- und eingeteilt werden kann, je nachdem, was für eine Veranstaltung stattfindet. Die Decke ist unverkleidet und gibt dem Theater einen ganz eigenen Charme, und vier Säulen in der Mitte des Aufführungsraumes erzwingen die Abkehr von klassischen Bühnensituationen. Die Vierte Welt ist entsprechend nicht nur Theater, sondern auch Raum für Performances, Filmvorführungen und politische Diskussionsveranstaltungen.

Vierte Welt Adalbertstraße 96, Kreuzberg, Programm und Tickets hier


BKA-Theater: Zwischen Travestie und Politsatire

Hoch hinaus geht es im BKA: Das Kabarett-Theater begrüßt seine Gäste im fünften Stock eines Wohnhauses am Mehringdamm. Foto: Sven Ihlenfeld

Wo einst getanzt wurde, hat seit 1988 politische Satire eine Heimat gefunden. Im fünften Stock eines Wohnhauses nutzten Mitglieder des zerfallenen Kabarett-Ensembles „CaDeWe“ die Räumlichkeiten einer ehemaligen Diskothek und schufen unter dem Namen „Die Enterbten“ einen Ort für Kabarett, Comedy, Improvisationstheater, Konzerte und ausgefallene Off-Musicals mit Berlin Vibe. Auf dem Spektrum zwischen politischem Kabarett und unangepassten Travestie-Performances ist Unterhaltungskunst verschiedenster Couleur vertreten. In der Berliner Kabarett Anstalt, kurz BKA, ist fast jeden Abend etwas los. Fest etablierte Größe im Programm sind die „Neuköllnicalls“ von Ades Zabel & Company.


Mehringhof-Theater

Etwas versteckt in einem Kreuzberger Hinterhof erwartet das Mehringhof-Theater seine Besucher:innen. Foto: Mehringhof-Theater

Durch eine unauffällige Einfahrt im Herzen Kreuzbergs erreicht ihr das Mehringhof-Theater. Seit 1985 begreift sich die Einrichtung als Teil des MehringHofs, einem alternativen Zentrum für Kultur, Bildung, Gewerbe und soziale Projekte. Während sich in der Anfangszeit das hauseigene Ensemble sowie externe Künstler:innen abwechselten, liegt der Fokus der Spielstätte heute stärker auf dem Programmtheater und zieht etablierte Kabarettist:innen sowie Newcomer:innen gleichermaßen an. Nicht nur Fans des Kabaretts sollten dem Theater einen Besuch abstatten, zusätzlich werden Stand-up-Comedy, Improvisationstheater und Konzerte angeboten. Mehr Orte für Kabarett in Berlin stellen wir euch übrigens hier vor.


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Es gibt so viele Bühnen in Berlin, dass man rasch den Überblick verliert. 12 der wichtigsten Theater für jeden Geschmack zeigen wir euch hier. Die größten und bedeutendsten sind natürlich in Mitte – die Theater im Stadtteil stellen wir hier vor. Noch mehr Texte findet ihr in der Theater-Rubrik. Viel zu entdecken im Stadtteil: Kreuzbergs wichtigste Sehenswürdigkeiten. Immer neue Artikel über Kreuzberg lest ihr hier .