Bilanz

Theater ist Krise!

Das Jahrbuch von Theater heute stellt die großen Fragen – und geht an die Grenze

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Braucht irgendjemand außer den Kantinenwirten und ihren bedauernswerten Stammgästen das Theater? Gute Frage, unangenehme Frage. Man muss es den Redakteuren der Traditionszeitschrift „Theater heute“ hoch anrechnen, dass sie diese Infragestellung der eigenen Geschäftsgrundlage nicht wegschieben, sondern diagnostisch nutzen und in ihrem neuen Jahrbuch zum zentralen Erkenntnisinteresse machen: Wie relevant ist das Theater im Krisen- und Umbruchsjahr 2016? Und welche Wichtigkeit kann es, ohne sich komplett lächerlich zu machen, jenseits des eigenen Betriebs und der begleitenden Medien-Putzerfische beanspruchen, wenn gerade ein paar Selbstverständlichkeiten der bis vor kurzem vergleichsweise gemütlichen bundesrepublikanischen Gesellschaft zur Disposition stehen? Zum Beispiel die Annahme, dass rechtsradikale Parteien nichts in Parlamenten zu suchen haben. Oder die unausgesprochene Erwartung, dass die Zukunft im Prinzip die Fortsetzung der Gegenwart, also nicht weiter bedrohlich wird. Was bedeutet es für die Kunst, die sich lange in der Provo-Rolle wohlfühlen konnte, wenn diese stillschweigend vorausgesetzten Gewissheiten zügig platzen und die ersten zeitgeistsensiblen Künstler den panischen Alteuropäer in sich entdecken und aus ihrer Xenophobie keinen Hehl mehr machen, sondern ein opulentes Regiekonzept bei den ohnehin offen reaktionären Salzburger Festspielen? Und wer soll sich noch für gepflegte Dekonstruktion und gepflegt-ungepflegt-eitles Performances-Geblubber interessieren, wenn gerade die Grundlagen des Gemeinwesens mit durchaus offenem Ausgang neu ausverhandelt werden?

Das Jahrbuch der Zeitschrift „Theater heute“ bündelt diese Fragen und versucht daraus Impulse für den eigenen Blick aufs Geschehen zu entwickeln. Schließlich ist Krisenbeobachtung eine Kernkompetenz des Theaters. „Welcher Blick hält stand, wenn neben der eigenen Wohlstandsfestung plötzlich die europäische Gemeinschaft und ein Fluchtpunkt europäischer Interessenspolitik auf dem Spiel stehen“, fragt der „Theater heute“-Redakteur Franz Wille in einem Essay. „Solange wir gut abgeschottet in einer der reichsten Gesellschaften der Welt lebten, konnte fast alles Relevanz behaupen.“ Tja. Das dürfte, wenn die Wirklichkeit im Schutzraum Theater ankommt, vorbei sein. Was immerhin den Vorteil hätte, dass anerkennungsbedürftige Mittelschichtsbürger das Theater nicht mehr so leicht mit einer Echozone ihres freilaufenden, in der Regel unbegründeten Narzissmus verwechseln können.

Jahrbuch Theater heute 184 S., 29,50 €

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