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Theatermusiker Ingo Günther über „Ohne Titel Nr. 1“

Ingo Guenther

Ingo Günther ist nicht einfach ein Theatermusiker, der für stimmige Atmo-Begleitung sorgt und ansonsten nicht weiter stört. Bei Herbert Fritschs Shows ist Günther der musikalische Co-Autor und Klangregisseur. Seine Musik- und Soundcollagen, für die er sich bei Soul und Neuer Musik, bei Electro, Jazz, Pop, Techno und Film-Soundtracks bedient, entwickeln eigene Dramaturgien und Erzählebenen – ein prägendes Element des fröhlichen Irrsinns. Grund genug, den Mann zu treffen, der dafür sorgt, dass Herbert Fritschs Theater groovt.

Herr Günther, was macht ein musikalischer Leiter bei Herbert Fritschs Inszenierungen?
Ich glaube, die Musik spielt für Herbert sowieso eine große Rolle. Seine Aufführungen sind immer musikalisch. Ob da Musik im klassischen Sinne vorkommt oder ob das nur Geräusche sind, ist eigentlich fast egal. Wenn ich mit ihm arbeite, bin ich sein Musik-Minister, der versucht, einen Rhythmus und Impulse zu geben, auf die die Schauspieler im besten Fall reagieren können. Es gibt zu Probenbeginn keine fertigen Arrangements. Es ist nicht so wie im Film oder bei anderen Regisseuren, dass die Musik die Szenen irgendwie atmosphärisch untermalt oder wie im Ballett, wo die Bewegung der Tänzer der Musik folgt. Die Bewegungen eines Schauspielers sind selbst schon Musik.

Weshalb machen Sie und Herbert Fritsch jetzt an der Volksbühne mit „Ohne Titel Nr. 1“ eine Oper?
Letztlich hat Herbert über die ganzen Jahre ja nichts anderes gemacht als Opern, finde ich. Das hieß früher nur nicht so. Jemand hat gesagt „Murmel Murmel“ wäre eine Sprech-Oper, und das stimmt eigentlich.

Ingo GüntherWie entsteht die Musik während der Proben?
Ich mache das ja nicht alleine. Fabrizio Tentoni spielt präpariertes Klavier und singende Säge, Michael Rowalska macht Percussion und alles, was so klappert und scheppert, das ist ein toller Jazz-Musiker, der auch noch gerne ins Theater geht. Natürlich mache ich mir vorher Gedanken, aber meistens ist es so, dass die beste Musik im Moment entsteht, zusammen mit den Schauspielern in den Proben. Im Entstehungsprozess sind das Sessions, aber dann müssen wir ganz konkrete, total sture Verabredungen treffen, um beide Extreme zu haben: die sture, bürokratische Form, die den totalen Freiraum erst möglich macht. Eines alleine würde nicht funktionieren. Wenn es zu frei ist, ist eh alles egal. Und wenn es zu sehr verabredet ist, macht es auch keinen Spaß. Dann zeigt man nur so, schaut mal, was wir Tolles verabredet haben. Und das ist ja dann auch blöd. Diese Balance zu finden, darum geht’s gerade.


„Murmel Murmel“ war ein Meisterwerk. Ist es schwierig, nach so einer tollen, radikalen Theaterdroge den nächsten Schritt zu machen?

Bei „Murmel Murmel“ hatten wir zumindest das Wort „Murmel“, das war nicht viel, aber immerhin. Jetzt haben wir gar nichts. Und das ist schon schwierig. Aber nicht aussichtslos. Hoffe ich zumindest.

Bei „Frau Luna“ klang Ihre Musik wie eine Mischung aus Sun Ra und dem Soundtrack eines Science-Fiction-B-Movies aus den frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Welche Stil-Lagen plündern Sie diesmal?
Wenn wir zu konkret werden und zu klar in eine bestimmte Musik gehen, ist es sofort eben zu konkret und alle sagen, ah ja, Sixties-Soul, oder ah ja, Free Jazz, alles klar. Wenn wir zu unkonkret werden, wird es Neue Musik und das ist dann auch wieder als „Neue Musik“ konkret und chiffriert. Irgendwelche Geräusche werden sofort als Musique concrиte verstanden. Alles, was man macht, ist automatisch codiert, das ist ein echtes Dilemma.

Und was machen Sie jetzt?
Kennen Sie diese goldüberzogene Datenplatte, die die NASA 1977 samt Soundanlage als Tondokument der Menschheit ins Weltall geschossen hat, die Voyager Golden Record? Da ist Chuck Berry drauf, Glenn Gould spielt die „Goldberg-Variationen“, und dann viel großartige Ethno-Musik. Ein Brief an die Aliens: „So klingt also die Menschheit.“ Der DJ, der das gemixt hat, der Kurator der Weltmusik, hatte einen heißen Job. Ich habe mir vorgestellt, ich wäre der Alien, der diese fremden Klänge wie ein Sound-Archäologe hört, dreitausend Jahre, nachdem die Menschheit ausgestorben ist. Aber vielleicht ist der Tonträger ja zerbrochen und voller Störgeräusche. Aber das weiß der Alien nicht, dass das Störgeräusche sind. Vielleicht sind die Sprünge und Kratzer bei den „Goldberg-Variationen“ das, was für ihn am besten klingt: Super, so klingt die Menschheit, das ist anscheinend Techno.

Das wäre dann purer Sound ohne jeden Kontext.
Das weiß der Alien aber nicht. Für den sind Störgeräusche so bedeutungsvoll wie afrikanische Stammesgesänge oder eine Beethoven-Symphonie, dadadadaaa. Ich glaube, etwas Ähnliches hat Herbert mit den Körpern vor: Die Gesten zu befreien von irgendwelchen bekannten Semantiken.

Wären von allen Interpretationsroutinen unbeleckte Aliens das ideale Publikum für Ihren Abend „Ohne Titel Nr. 1“?
Absolut, alle Aliens sind herzlich eingeladen. Dieser Abend ist für sie.

Interview: Peter Laudenbach

Fotos: David von Becker

Ohne Titel Nr. 1, ?Volksbühne, Mi 22., Do 23., Fr. 31.1., Di 4.2., 19.30 Uhr, ?Karten-Tel. 24 06 57 77

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