Theater

Highlights der Theatersaison 2011 in Berlin

ROSAS_ANNE_TERESA_DE_KEERSMAEKERSchönheit, Freude, Genuss
Die Achtzigerjahre gelten nicht gerade als Zeit des guten Geschmacks, doch wie jedes Jahrzehnt haben auch sie ihre Klassiker hervorgebracht. Im zeitgenössischen Tanz zählen dazu unbestreitbar die frühen Arbeiten der belgischen Choreografin und Tänzerin Anne Teresa De Keersmaeker, die ihre choreografische Meisterschaft bis zum heutigen Tag mit vielschichtig-verwobenen, strengen, mitunter aber auch verspielten Beziehungen zwischen Tanz und Musik beweist. Jetzt zeigt das HAU 4 noch einmal vier frühe Werke von Anne Teresa De Keersmaeker. „Ich versuche, dem Publikum Schönheit, Freude und Genuss der Musik durch den Tanz zu vermitteln“, hat die zarte, stets etwas verschattet wirkende Künstlerin einmal gesagt und vielleicht ist ihr das am eindrücklichsten mit dem suggestiven Werk „Phase“ gelungen. In dem 1982 entstandenen Duett tanzen zwei zwillingsähnliche junge Frauen zur minimalistischen Musik Steve Reichs ganz einfache Bewegungsphrasen. Zwei Schritte vor, Armschwung, Drehung und wieder zurück – pure Abstraktion und perfekt ausgeführt, fast möchte man sagen, exekutiert.

So unmerklich wie sich die musikalischen Strukturen in den Klavier- oder Violin-Sequenzen Steve Reichs verändern, so fein sind auch die choreografischen Verschiebungen: Bewegungen der Arme, Füße oder des Kopfes, eben noch parallel ausgeführt, werden im nächsten Moment um nur einen Takt prolongiert; von der Synchronität in die Asymmetrie und wieder zurück – ein Wimpernschlag an Unaufmerksamkeit würde einen die feine Komplexität in aller Einfachheit übersehen lassen. Ein Jahr später lädt De Keersmaeker die ihr eigenen strukturellen, abstrakten Tanzsequenzen emotional auf: In ihrem 1983 entstandenen, berühmten Stück „Rosas danst Rosas“ mit Musik von Thierry De Mey und Peter Vermeersch geht es immer noch um das Zusammenspiel von musikalischen und choreografischen Akzenten und Mustern, aber die vier jungen Frauen auf der Bühne führen ihre alltäglichen und doch pointierten und genauen Bewegungen hochenergetisch und mit stärkerer innerer Beteiligung aus. „Rosas danst Rosas“ und „Fase“ katapultierten Anne Teresa De Keersmaeker himmelsstürmend in die erste Liga europäischer Avantgarde, darum ist es umso erstaunlicher, dass sie mit der darauf folgenden Produktion „Elena’s Aria“ 1984 ihre Arbeit einer grundsätzlichen Selbstbefragung unterzog, stilistisch ganz neue Wege beschritt und Film sowie Literatur integrierte. Zusammen mit der 1987 kreierten Arbeit „Bartуk/Mikrokosmos“ ist dieses vorausweisende, stilbildende, im Kern schon alle spätere Reife enthaltende Frühwerk nun an vier Abenden noch einmal zu sehen – oder – um es wie De Keersmaeker selbst zu sagen, zu genießen.

Text: Lisa Nehring

Foto: Jean-Luc Tanghe

Anne Teresa De Keersmaeker Early Works: „Fase“, 3.10., 19.30 Uhr; „Rosas danst Rosas“, 5.10., 19.30 Uhr; „Elena’s Aria“, 7.10., 19.30 Uhr; „Bartуk/Mikrokosmos“, 9.10., 19.30 Uhr Alle im HAU 1

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