• Kultur
  • Theater
  • Theatertreffen 2010 – 3 Stücke über Kapitalismus

Theater

Theatertreffen 2010 – 3 Stücke über Kapitalismus

Die Kontrakte des KaufmannsDie kapitalistische Gesellschaft verbirgt gerne, was Wirtschaft mit den Menschen macht. Versagensängste, charakterliche Deformierungen und Aggressionen, die der Konkurrenzkampf produziert, auswegslose finanzielle Lagen, die aus dem Widerspruch von Sehnsüchten und Möglichkeiten entstehen, Berufskrankheiten, Depressionen und tödliche Selbstzweifel sind nicht Teil des Marketings, weil sie der Verkäuflichkeit schaden. Bei aller sozialen Hilfestellung und der emsigen Diskussionskultur in den Medien ist der Alltag der Existenzängste trotzdem privat und neigt zur schamhaften Vertuschung der Probleme. Stark ist nur die Oberfläche.
Neben einigen Problemfilmen und Romanen ist es vor allem das zeitgenössische Drama, das den strahlenden Titelbildern des deutschen Wohlfahrtsstaats misstraut und das auch künstlerisch auszudrücken weiß. Drei zum Theatertreffen eingeladene Stücke zeigen die tagtägliche Rezession des Leistungsmodells in sehr unterschiedlichen Herangehensweisen: Elfriede JelineksDie Kontrakte des Kaufmanns“, Roland SchimmelpfennigsDer goldene Drache“ und Dennis KellysLiebe und Geld“.

Vor allem Elfriede Jelineks textlicher Phrasenberg, den sie aus den Rechtfertigungen der Großbanker und Kleinanleger für ihr Verhalten vor dem Finanzkollaps geschichtet hat, fand in dieser Saison reißenden Absatz bei den Dramaturgen, Theatern und Zuschauern. Das liegt vielleicht daran, dass Jelineks fulminante und satirische Sprachkritik etwas berührt, dass alle betrifft: das Unbehagen über ein Marketing, das uns dauernd mit lächelnder Selbstgewissheit ins Gehirn hämmert, wie schön, sicher und erfolgsversprechend Produkte sind.
Wobei Elfriede Jelinek nicht den politischen Fehler begeht, die Banker als die Bösen und den Crash als ihr Waterloo darzustellen. Denn selbstverständlich weiß jeder Konsument von Finanzdienstleistungen, dass die Talfahrt der Aktien kein Unfall, sondern nur die Vertiefung des Gewöhnlichen war. Und trotzdem wehren wir uns weiter mit größter Vehemenz gegen die ganz simple Einsicht: Die falschen Versprechungen sind nicht der Fehler des Systems, sie sind das System. Und weil das eigentlich jeder Beteiligte der kapitalistischen Wirtschaftsordnung weiß, ist die Empörung, betrogen worden zu sein, mindestens so hohl wie die Sprechblasen, die zur Entschuldigung für verbranntes Geld formuliert werden.
Nicolas Stemann hat diesen großen Selbstbetrug in Form eines Happenings inszeniert, in dem der vollständige, rund hundert Seiten lange Jelinek-Text gesprochen und verlesen wird, wo Inspirationen aus der Kunst und Improvisationen des Theaters zusammentreffen, wo Musik, Masken und Marktplatzatmosphäre die ironische Sprachbehandlung Jelineks begleiten. Und dieses Fehlen eines klaren kommentierenden Regiezugriffs macht in diesem Fall deswegen Sinn, weil es den Sinn entzieht. Alle Kläger und Verteidiger dieses wirtschaftlichen Krisenmoments suchen ja unaufhörlich dort nach Erklärungen, wo sie nicht zu finden sind: in der klar zuweisbaren Schuld. Für diese sinnlose Suche ist das sinnlose Spiel eine wunderbare Antwort.

Der goldene DracheAuch Roland Schimmelpfennig verweigert sich in „Der Goldene Drache“ allen Schuldzuweisungen in seiner Geschichte über die zwei Klassen der Wirtschaftsströme. Im Asia-Imbiss treffen bei ihm zwei gastronomische Fernreisende des Kapitalismus in einem Unfall aufeinander, der den Unterschied von legal und illegal veranschaulicht: die Stewardess einer großen Fluglinie und die chinesische Küchensklavin, die ohne Papiere irgendwie nach Europa gelangt ist. Ohne sich jemals zu sehen, sind die beiden verbunden durch einen löchrigen Zahn, den der Onkel der Chinesin mangels Versicherungsschutz mit der Zange zieht und die Stewardess danach in ihrer Thai-Suppe Nr. 6 findet. Doch während die Chinesin an dem Eingriff verblutet, ist in dem gelangweilten Flugbegleiter-Dasein ihr Zahnrest ein kurzes Faszinosum. Lakonischer kann man die Welten, die Menschen trennen, selbst wenn sie im selben Raum stehen, kaum beschreiben. Dabei ist Schimmelpfennigs Stück über das illegale Emigranten-Dasein in keiner Weise salopp oder leichtfertig. Er zeigt vielmehr, dass die totale Vernetztheit keineswegs bedeutet, dass alle Menschen gleich sind. Und in der Wiener Inszenierung des Autors, die in starker Referenz zu den Arbeiten von Jürgen Gosch steht, mit dem er so lange zusammengearbeitet hat, wird die menschennahe, aber nicht anklagende Art dieses Stückes auch wunderbar ausgespielt. In wechselnden Figuren und mit wenigen Requisiten zelebriert Schimmelpfennigs Ensemble um die zahnleidende Christiane von Poelnitz den steten Wandel der Opfer- und Täter-Rollen, die das Leben für uns bereithält.

Liebe und GeldDennis Kellys Stücke sind da schon aus einem gröberen Holz geschnitzt. In seinem Kabinett der Marktgeschädigten, das er in „Liebe und Geld“ vorführt, ist die Freundlichkeit die Maske, die über die Fratze gestülpt ist – und nicht umgekehrt. Brave Eheleute zertrümmern hier das kitschige Tempelgrab eines Griechen neben dem bescheidenen ihrer Tochter mit dem Vorschlaghammer. Eine nette Sekretärin verschickt tote Mäuse als Weihnachtskarten. Und das knusprige Traumpaar im Zentrum des Geschehens ruiniert sich durch zwei typische Kapitalismuskrankheiten: Kaufsucht und Egoismus. Aggressionen der Verzweifelten addieren sich hier von einer abstrusen Szene zur nächsten, bis die ganze Gesellschaft aussieht wie ein offener psychiatrischer Vollzug in einer Shopping-Mall.
Stephan Kimmig erzählt diese Farce leider allzu leicht und plaudernd. Seine Hauptfigur, gespielt von Susanne Wolff, stilisiert er abwechselnd zu einer entrückten Kreditkarten-Madonna und dann wieder zur System-Närrin, die mit ihrem hemmungslosen Kaufen und Schuldenmachen das Uhrwerk der Akkumulation stört. Doch in dem freundlichen Konversationston dieser Inszenierung wird weniger das Leiden am Leistungsstress bis in die Beziehung hinein verfolgt, als vielmehr eine Parodie geboten, die die Symptome des Leidens ausstellt. Und das ergibt am Ende doch wieder höchstens die starke Oberfläche eines Produkts, hinter der die ätzenden Fragen über unser Verhalten erst noch lauern.

 

Text: Till Briegleb

Foto oben: David Baltzer

Foto mitte: Reinhard Werner

Foto unten: Arno Declair

Liebe und Geld Do 20., Sa 22.05 20:00, Deutsches Theater Berlin

Der goldene Drache Fr 21. bis So 23.05, 20:00, Berliner Ensemble

Die Kontrakte des Kaufmanns So 23. und Mo 24.05, 19:00, Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne

 

Übersicht zum Theatertreffen 2010

Theatertreffen der Jugend 2010

Mehr über Cookies erfahren