Theater

Theatertreffen 2010

Aus Köln kommt Johan Simons Inszenierung „Kasimir und Karoline“, aus München Luk Percefals Fallada-Adaption „Kleiner Mann – was nun?“, eine Sozialverliererballade. Kimmigs Hamburger Inszenierung von Denis Kellys „Liebe und Geld“ erzählt von der Jagd nach Geld. Etwas komplizierter und sarkastischer dürfte Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Bankencrash-Farce „Die Kontrakte des Kaufmanns“ ausfallen, ebenfalls aus Hamburg. Aus Wien kommt Schimmelpfennigs Migrantenmärchen „Der Goldene Drache“, aus Köln Karin Beiers Unterschichtskomödie „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“. Ein Höhepunkt: Christoph Marthalers und Anna Viebrocks Bankrotteursrevue „Riesenbutzbach“ aus Wien. Ob die Einladung von Dea Lohers schwerfälliger Komödie „Diebe“, Regie: Kriegenburg, aus dem Deutschen Theater Berlin ein Beitrag zur theatralischen Aufbereitung der Wirtschaftskrise ist oder selbst ein Symptom der Krise (in dem Fall einer Krise der Urteilsfähigkeit der Theatertreffenjury), ist Geschmackssache. Ebenso wie der alberne Hang zum Großevent:  Die Festspiele zeigen Übertragungen einzelner
Gastspiele auf Großleinwände am Potsdamer Platz. Vielleicht sollte ihnen mal jemand den Unterschied zwischen Fernsehen und Theater erklären. Neben den Rezessionsstücken widmen sich andere Inszenierungen Tagträumen („Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ aus Graz) und der Verwandlung von Leben in Theater (das „Nature Theatre of Oklahama“). 

Kasimir_und_KarolineKasimir und Karoline (Schauspiel Köln)
Schauspiel Köln Ödön von Horvбths Stück in der Inszenierung des Regisseurs-Duos Johan Simons und Paul Koek machte auf dem letzten Festival d’Avignon viel Eindruck und beim Theatertreffen den Auftakt. Beim designierten Münchner Kammerspiele-Intendanten Simons ist von der „Ballade voll stiller Trauer“, wie Horvбth selbst sagte, nicht mehr viel übrig. Anstatt sozialkritisch den Oktoberfestspaß, Arbeitslosigkeit und Milieu zu zeigen, sind hier zwei smarte Einzelkämpfer am Werk, jeder in seiner Vor­stellungswelt gefangen.

Foto: Klaus Lefebvre

Haus der Berliner ­Festspiele Fr. 7. + Sa. 8.5., 20 Uhr

Life_and_Times_Times_Episode1Life and Times Times — Episode 1 (Burgtheater Wien Die New Yorker Off-Theatertruppe)
Nature Theater of Oklahoma trägt der performativen Dimen­sion des Gegenwartstheater Rechnung. Regisseurin Kelly Copper bemüht in „Life and Times“ den Mitschnitt eines 20-stündigen Telefonats, von ihr und Musikerin Kristin Worrall. Thema ist beider Mittelstandsleben. Dreieinhalb Stunden lang wird das Protokoll von Pfadfinderinnen gesungen, mit Live-Band und später gar Burgherren. Intendant Matthias Hartmann holte die schräge Truppe zum Spielzeitstart nach Wien.

Foto: Reinhard Werner

Sophiensaele Sa. 8.-Mo. 10.5., 19.30 Uhr

 

Kleiner_Mann_was_nunKleiner Mann — Was nun? (Münchner Kammerspiele)
Neben Gegenwartsdramatik und performativem Theater sind definitiv Film- und Roman-Adaptionen ein weiter Schwerpunkt, den die Jury dieses Jahr gesetzt hat. Luc Perceval gibt mit Falladas „Kleiner Mann“ für die Münchner Kammerspiele ein gelungenes, wenn auch sehr langes Beispiel. Paul Herwig und Annette Paulmann federn darin das Pathos der Wirtschaftskrisenverlierer ironisch ab. Und doch bleiben die großen Gefühle übrig, die Falladas Roman zum Klassiker der Neuen Sachlichkeit machte.

Foto: Andreas Pohlmann

Haus der Berliner ­Festspiele Mo. 10., Di. 11.5., 19 Uhr

DiebeDiebe (Deutsches Theater)
Autorin Dea Loher versteigt sich in „Diebe“ längst nicht mehr zu einer konsistenten Handlung. Sie fügt lieber einzelne Episoden über die tragikomischen Absurditäten des Lebens zusammen. Da wird zum Beispiel ein ängstlicher Spießbürger an seine promiskuitive Studentenzeit erinnert und gerät aus der Fassung. Andreas Kriegenburgs Inszenierung setzt das mit einem bereits hochgelobten Schaufelrad um. Unermüdlich schaufelt es die unterschiedlichen Figuren auf die Bühne: Nun macht mal!

Foto: Arno Declair

Deutsches Theater Mo. 10. + Di. 11.5., 19 Uhr, So. 23.5., 18 Uhr, Mo. 24.5., 16 Uhr

Die_Stunde_da_wir_nichts_voneinander_wusstenDie Stunde da wir nichts voneinander wussten (Schauspielhaus Graz)
Der ungarische Regisseur Viktor Bodу gehört zu den international agierenden Regisseuren des Theatertreffens. Seine Produktion für das Schauspielhaus Graz macht aus Handkes Piazza-Idyll, in dem der Dichter vorbeiziehende Passanten zu Figuren seiner Poesie macht, ein Großstadtmolloch. In einem engen Cafй beobachten Gäste einen seltsamen Autounfall. Um Licht ins Dunkel zu bringen, werden die Protagonisten mit der Kamera verfolgt.

Foto: Peter Manninger

Haus der Berliner ­Festspiele Do. 13.-Sa. 15.5., 20 Uhr

Riesenbutzbach:Eine_DauerkolonieRiesenbutzbach. Eine Dauerkolonie (Wiener Festwochen)
Wenn es so etwas wie eine Stamm­besetzung des Theatertreffens gibt, gehört Christoph Marthaler dazu. Er hat für „Riesen­butzbach“ seine 14. Einladung erhalten. Das Thema ist prägend für das diesjährige Theatertreffen: die Krise. Zusammen mit Bühnenbildnerin Anna Viebrock hat er sein berühmtes Stillstandstheater im globalen Dorf Riesenbutzbach inszeniert. Die Männer sitzen in leeren Garagen, die Frauen in der Halle des Instituts für Gärungsgewerbe und trauern den gepfändeten Möbeln hinterher.

Foto: Dorothea Wimmer

Flughafen Tempelhof  Fr. 14.-Mo. 17.5., 20 Uhr

Die_SchmutzigenDie Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen (Schauspiel Köln)
Wie aus Geldgier und zerrütteten Familienverhältnissen der Sprengsatz der Gesellschaft wird, zeigt die Leiterin des Kölner Schauspiels, Karin Beier, in „Die Schmutzigen, die Häss­lichen und die Gemeinen“. Dafür hat sie sich Ettore Scolas gleichnamige Kinokomödie geschnappt. Beiers Unterschichten-Gezeter spielt sich fast komplett hinter Glas ab. Die Tür geht nur kurz auf und ein paar Geräusche dringen heraus. Der Rest ist Voyeurismus, der auch in Talk- und Reality-Shows vorherrscht.

Foto: David Baltzer

Haus der Berliner ­Festspiele Di. 18., Do. 20.5., 20 Uhr, Mi. 19.5., 16 Uhr, Mi. 19.5., 21 Uhr

Liebe_und_GeldLiebe und Geld (Thalia Theater Hamburg)
Obwohl schon ein paar Jahre alt, ist auch Dennis Kellys Stück ein Beitrag zur gegenwärtigen Abzockermentalität. In „Liebe und Geld“, der Produktion für das Hamburger Thalia-Theater, zeigt Regisseur Stephan Kimmig ein Pärchen, das sich gefangen in seinem kleinbürgerlichen Käfig vor Geldgier gegenseitig umbringt. Das soziale Umfeld reagiert dabei mit derart beiläufig-unspektakulärer Ignoranz, dass die düstere Liebesgeschichte zur Studie über psychische Deformationen in Zeiten ökonomischen Wettlaufs wird.

Foto: Arno Declair

Deutsches Theater Do. 20., Sa. 22.5., 20 Uhr

Der_goldene_DracheDer goldene Drache (Burgtheater Wien)
Fünf Schauspieler spielen rund 20 Figuren in Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“ . Darin verfremdet der derzeit meistgespielte deutsche Dramatiker die altbekannte Globalisierungthematik. Er geht auf Distanz, zeigt den schwierigen Weg von zwei illegalen chinesischen Migranten. Am Schluss ist die minimalistisch-weiße Bühne blutverschmiert, zwei Tote sind zu beklagen, nebst der Gleichgültigkeit der Welt. Für die Jury war „Der goldene Drache“ einer der komischsten Theaterabende dieser Saison.

Foto: Reinhard Werner

Berliner Ensemble Fr. 21.—So 23.5., 20 Uhr

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Die_Kontrakte_des_KaufmannsDie Kontrakte des Kaufmanns (Thalia Theater Hamburg und Schauspiel Köln)
Die Länge der Stücke ist mit durchschnittlich zweieinhalb Stunden auch ein Merkmal des Theatertreffens 2010. Selten aber sind dreieinhalb Stunden so amüsant wie bei Theatertreffen-Dauergast Nicolas Stemann. Mit „Die Kontrakte des Kaufmanns“ hat er Elfride Jelineks bissigen Kommentar zur aktuellen Wirtschaftskrise für das Thalia in Hamburg inszeniert. Stemann spielt, singt und begleitet seine Schauspieler am Flügel. Alles ist
offen. Bis auf die Seitenzahl.

Haus der Berliner ­Festspiele So. 23. + Mo. 24.5., 19 Uhr

Festival: 7.-24. Mai 2010, Karten jeweils unter Tel. 25 48 91 00

INTERVIEW MIT THEATERREGISSEUR JOHAN SIMONS 

Mehr zum Theatertreffen in tip 10/2010 ab Seite 54

 

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