• Kultur
  • Theater
  • Theatertreffen 2013: „Orpheus steigt herab“ der Münchner Kammerspiele

Theater

Theatertreffen 2013: „Orpheus steigt herab“ der Münchner Kammerspiele

Orpheus_steigt_herabMünchen liegt nicht am Mississippi. Und Bayern ist nicht der Bible Belt, auch wenn sich die hiesigen Ureinwohner als Südstaaten-Rebellen sehen und ein Zugereister, der im falschen Wiesn-Outfit aufschlägt, hier leicht mal vor die Hunde gehen kann. Tennessee Williams’ schwülstiges Rassismus-Drama „Orpheus steigt herab“ – unter dem Titel „Der Mann in der Schlangenhaut“ 1959 von Sidney Lumet verfilmt – hatte zeitgleich zum Oktoberfest an den Münchner Kammerspielen Premiere, weshalb ein Kettenkarussell zu den unschuldigen Opfern der Inszenierung zählt. Die Bühnenbildnerin Eva-Maria Bauer hat es kopfüber in den Schnürboden gehängt, als kruzifixschweres Bühnenzeichen für den Lynchmob, der ein fiktives County im Mississippi-Delta regiert. Ein Totenreich schon auf Erden.
Der mythische Orpheus, der in diesen Provinz-Hades herabsteigt, heißt Val Xavier – was wie „Saviour“, also Retter oder Erlöser, klingt. Um solide zu werden, heuert der Stricher und Nachtclub-Crooner als Verkäufer im Laden der Lady Torrance an, die mit dem verkrebsten Kleinstadt-Tyrannen Jabe verheiratet ist. Als sie erfährt, dass ihr eigener Mann einst das Gartenlokal ihres Vaters, eines italienischen Einwanderers, abgefackelt hat, und sie mit Val, dem schönen Fremden, fliehen will, erhebt sich Jabe, der Totengott, noch mal vom Sterbebett und erschießt seine Frau. Und Val wird von den Bluthunden der Bürgerwehr zerrissen. Im Schlussbild dreht sich das Karussell hell erleuchtet und in voller Fahrt – Sinnbild eines illusionären Glücksversprechens.
Allerdings schwingt sich Sebastian Nüblings Inszenierung nicht durchweg zu der Flughöhe seiner ersten Tennessee-Williams-Regie an den Kammerspielen auf. Vor zwei Jahren hatte er mit einer schnell und hart gespielten Sitcom-Version von „Endstation Sehnsucht“ die richtige Oktanzahl gefunden für sein energie- und adrenalingesättigtes Körpertheater und der Straßenbahn des Originaltitels „A Streetcar Named Desire“ eine temporeiche Druckbetankung verpasst.
Bleifrei ist auch die schießwütige Biker-Meute in „Orpheus steigt herab“ nicht. Aber der Bühnensport ist oft mehr Pflicht als Kür. Allzu angeschafft und ausgestellt kommt die Provinzhölle daher, samt echter Enduro und lebendigem Dobermann. Benzin- und Schießpulvergestank lassen das vergiftete Klima sogar olfaktorisch spürbar werden, wobei die Provinz-Rednecks, allesamt debile Hackfressen-Hillbillys, genauso aus dem Klischee-Katalog ausgestanzt wirken wie die notgeilen Dorf-Bitches und giftblonden Desperate Housewives, die mit fleischfarbenen Luftballon-Phallen ihre obszönen Spielchen treiben.
Einzig Jochen Noch, dessen Husten wie ein Echo des Hundegebells klingt, gibt seinem Jabe eine glaubwürdige Bedrohlichkeit.
Gegen das ranzige Melos des Stücks setzt Nübling verschärfte Rummelplatz-Motorik, inklusive sexuell konnotierter Trapez-Turnerei in den Karussell-Ketten. Ringelpiez mit Anfassen. Wiebke Puls als Lady Torrance und Risto Kübar als Val erspielen, gemeinsam am Karussell und an einer besseren Zukunft werkelnd, ihrem Paar eine scheue, linkische Zärtlichkeit. Wenn sie gemeinsam Sitzkörbe aufhängen und Glühbirnen einschrauben, entdeckt die vereinsamte, ungeliebte Frau im Overall beim prosaischen Handgemenge ihr Herz für diesen schrägen Vogel, der da in ihr Leben geflattert ist und ihrer vertrockneten Libido das Ölkännchen reicht.
Die Attraktion der Aufführung aber ist Risto Kübar als Val. Der estnische Schauspieler, schmächtig, sanft und grazil, der schon in Nüblings dreisprachiger Inszenierung von Simon Stephens „Three Kingdoms“ als rätselhafter „Trickster“ auffiel, ist die Gegenbesetzung zu Marlon Brandos Macho-Charme in der Verfilmung. So exotisch wie erotisch totentänzelt er hier eine schlangengleiche androgyne Kunstfigur hin, einen Faun, dessen zischelnder Singsang zwischen Deutsch, Englisch und Estnisch wechselt und dessen Identität genauso schillernd bleibt wie sein Discojäckchen. Kübar bedient keine Migranten-Folklore, sondern verkörpert Fremdheit schlechthin. Er überhöht seine Auftritte zu einem schauspielerischen Diskurs über Zuschreibungen und lässt die ihm zugewiesene Opferrolle souverän ins Leere laufen. Orpheus unchained. Der Vision eines europäischen Stadttheaters, wie es Kammerspiel-Intendant Johan Simons vorschwebt, kommt er damit sehr nah.
Die Ketten der Konvention können die Schauspieler zwar genauso wenig vollends sprengen wie die Figuren im Stück die ihren, aber sie rasseln doch so vielversprechend mit ihnen, dass man neugierig wird. 
Text: Christopher Schmidt
Foto: Julian Roeder
Orpheus steigt herab
So 19. + Mo 20.5, 20 Uhr, Haus der Berliner Festspiele,
Karten-Tel. 25 48 91 00 

 

Mehr Theatertreffen:

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ (Schauspielhaus Zürich)

 Interview mit der Leiterin des Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer

„Disabled Theatre“ von Jйrфme Bel beim Theatertreffen

TT 2013: Michael Thalheimers „Medea“ mit Constanze Becker

TT 2013: MurmelMurmelMurmel an der Volksbühne

TT 2013: „Jeder stirbt für sich allein“ in Regie von Luk Perceval

Startseite Theater und Bühne

 

 

Mehr über Cookies erfahren