Theater

Theatertreffen 2014 im Haus der Berliner Festspiele

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Frank Castorf inszeniert beim Theatertreffen 2014 Cйlines „Reise ans Ende der Nacht“. Foto: Thomas Dashuber

Die zehn eingeladenen Inszenierungen, nach Ansicht einer siebenköpfigen Kritiker-Jury (darunter der tip-Theaterredakteur Peter Laudenbach) die bemerkenswertesten Aufführungen der Spielzeit, stehen für die besten Möglichkeiten des deutschsprachigen Theatersystems. In diesem Jahr ist die Auswahl erfreulich ­heterogen: Neben originellen Klassikerneudeutungen („Amphitryon“, „Onkel Wanja“, „Fegefeuer in ­Ingolstadt“) stehen Herbert Fritschs Neodadaismus („Ohne Titel Nr. 1“), Alvis Hermanis’ große Parabel über Zivilisation und Barbarei („Die Geschichte von Kaspar Hauser“), ein eindrückliches Rechercheprojekt mit Überlebenden des Holocausts („Die letzten Zeugen“), Alain Platels HAU-Produktion „Tauberbach“ und eine der besten Castorf-Inszenierungen der letzten Jahre, die fiebrige Adaption von Cйlines Jahrhundert­roman „Reise ans Ende der Nacht“.

Bei mehreren Aufführungen verbindet sich Theater mit einer großen Rauminstallation, etwa im Stuttgarter „Wanja“ des jungen Regisseurs Robert Borgmann, in Hermanis’  Biedermeier-Puppenstube in „Kaspar Hauser“ oder in Fritschs Dada-Oper. Die Eröffnungsinszenierung
ist die letzte Arbeit des im Oktober verstorbenen Regisseurs Dimiter Gotscheff, eine Erkundung von Heiner Müllers Revolutionstragödie „Zement“, die Gotscheff mit großer Klarheit, radikalem Ernst und dem Mut zur großen Form inszeniert hat.

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Die Revolution frisst ihre Kinder: Szene aus Gotscheffs Inszenierung „Zement“ mit Bibiana Beglau. Foto: Armin Smailovic

In der Gefahrenzone

Bibiana Beglau mag die Extreme: Beim Theater­treffen spielt sie in Inszenierungen von Dimiter Gotscheff und Frank Castorf.

„Auf ihren Knochen eine neue Welt!“ So sagt es die Bolschewistin Dascha in Heiner Müllers Revolutionstragödie „Zement“. Dascha hat ihr Kind ins Heim gegeben, um sich ganz der bolschewistischen Revolution und dem Aufbau-Furor der neuen Zeit zu verschreiben. „Die Menschen konnten es sich damals nicht leisten, so klein zu denken wie wir heute in unserer Sicherheitsgesellschaft“, findet Bibiana Beglau. Sie spielt die Dascha in der „Zement“-Inszenierung von Dimiter Gotscheff am Münchner Residenztheater, der letzten Arbeit des im vergangenen Herbst verstorbenen Regisseurs, die am 2. Mai das Theatertreffen eröffnet.

Weiterlesen: Die Regisseurin Susanne Kennedy ist mit ihrer formstarken Inszenierung „Fegefeuer in Ingolstadt“ die Entdeckung des Theatertreffens.

Bibiana Beglau ist eine prägende Protagonistin des diesjährigen Festivals. Sie ist gleich in zwei wuchtig-radikalen Arbeiten die zentrale Protagonistin. Neben „Zement“ ist sie die irrlichternde Hauptfigur in Frank Castorfs fiebriger Cйline-Adaption „Reise ans Ende der Nacht“, ebenfalls am Münchner Residenztheater entstanden. Es sind Inszenierungen, die jeden Konfektionsrahmen sprengen. „Findet man ja eher selten in der Theaterwelt, dass jemand sich wirklich in Gefahrenzonen begibt“, so Beglau.

Während der „Zement“-Proben sind sie tief eingetaucht in die Zeit des revolutionären Terrors. „Mitko ist viel härter mit der Russischen Revolution ins Gericht gegangen als wir übrigen“, sagt Beglau über den Müller-Regisseur, mit dem sie eine lange Arbeits­geschichte verbindet. „Er hat uns ausgemalt, wie zermürbend es ist, wenn die Revolution ihre eigenen Leute frisst. Wir spüren ja allenfalls ein Nachbeben dieser verzweifelten Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Wer würde heute noch seine Kinder opfern? Wir sind ja nicht mal bereit, Flüchtlingen zu helfen. Oder würden Sie Ihr Wohnzimmer mit zwei fremden Syrern teilen? Ich wahrscheinlich nicht.“

Beglau redet nie von Anstrengungen. Das angespannte Grundzittern ihrer Figur in „Zement“? „Ich mach doch da gar nicht viel.“ 700 Buchseiten des zwischen Paris und Afrika, den Schützengräben des Ersten Weltkriegs und Fabriken in den USA mäandernden Cйline-Romans und Castorfs rund fünfstündige Aufführung? „Zack, durch, ging ganz schnell.“ Bei Castorf, ebenfalls einer ihrer langjährigen Theaterweggefährten, haben sie tolle Szenen zu dieser Interkontinental-Odyssee des poli­tisch entschieden inkorrekten Autors erfunden. Auch einige, die es nicht auf die Bühne geschafft haben. „Es gab einen großartigen Monolog meines Kollegen Jürgen Stössinger, in dem er als alter Offizier im Dschungel sitzt und nur von Tomaten und seiner Nichte in Marseille erzählt“, schwärmt Beglau. Die haben sie mit Bedauern über Bord geworfen. Aber der Freude an der Aufführung tut es keinen Abbruch.

Weiterlesen: „Die letzten Zeugen“ dürfte eine der ungewöhnlichsten Produktionen in der Geschichte des Theatertreffens sein 

„Ich arbeite hundert Mal lieber mit Frank Castorf als mit irgendeinem Regisseur, der an der Finanzierung seiner Einbauküche rumfrickelt und alles fürs Publikum passgerecht machen will“, betont Beglau. Die Frau fürs Extreme – das wäre eine dieser Etiketten, mit denen die Schauspielerin so herzlich wenig anfangen kann. Sie sagt nur: „Lieber Kunst als Langeweile.“

Text: Patrick Wildermann

Zement Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne, Fr 2.5., 19.30 Uhr; Sa 3.5., 18.00 Uhr

Reise ans Ende der Nacht Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne, Do 8.5., 19.00; Fr 9.5., 18.00 Uhr

Theatertreffen Haus der Berliner Festspiele u.?a., 2.–18.5., www.berlinerfestspiele.de, Karten-Tel. 25 48 91 00

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