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Theatertreffen 2022: Die Zehner-Auswahl der wichtigsten Inszenierungen

Das Theatertreffen hat viel Understatement im Namen, ist aber eins der wichtigsten Festivals für die deutschsprachige Szene. Die siebenköpfige Jury hat bekanntgegeben, welche Stücke die bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison sind. Zehn Arbeiten sind zum Theatertreffen 2022 eingeladen, darunter zwei Berliner Produktionen. Wir stellen sie vor, vom 6. bis 22. Mai könnt ihr die Aufführungen dann in Berlin sehen. Der Spielplan erscheint voraussichtlich im April.


All right. Good night. Ein Stück über Verschwinden und Verlust

Helgard Haugs Produktion arbeitet effektvoll mit Musik und Videoprojektionen. Foto: Merlin Nadj-Toma

Regisseurin Helgard Haug von der vielfach ausgezeichneten (und oft zum Theatertreffen geladenen) Gruppe Rimini Protokoll verbindet für ihr Stück „All right. Good night“ zwei Erzählstränge miteinander, die sich im Leben der Regisseurin zeitlich exakt überschnitten haben: zum einen das Schicksal der Passagiere und der Besatzung von MH370, dem Flug von Malaysia Airlines, der am 8. März 2014 unter ungeklärten Umständen vom Radar verschwunden ist. Und die eintretende Demenz von Haugs Vater.

Der Theaterabend widmet sich der Unsicherheit und allmählichen Gewissheit, erzählt von Verschwinden und Verlust, findet Parallelen zwischen dem Erlöschen von Signalen und Synapsen. Das Stück mit Musik von Barbara Morgenstern und dem Zafraan Ensemble wurde am 16. Dezember im Berliner HAU uraufgeführt, beteiligt sind auch das Volkstheater Wien, The Factory in Manchester, das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main sowie PACT Zollverein in Essen.


Slippery Slope – Almost a Musical

Lindy Larsson in „Slippery Slope“. Das Gorki-Stück ist zum Theatertreffen 2022 eingeladen. Foto: Ute Langkafel/MAIFOTO

„Slippery Slope“ mit dem Untertitel „Almost a Musical“ wurde im November 2021 am Maxim Gorki Theater uraufgeführt. Das Stück von Regisseurin Yael Ronen sowie Shlomi Shaban, Riah Knight und Itai Reicher wurde im tipBerlin als „Musical zur Cancel Culture“ gefeiert: Nach dem Shitstorm wagt ein Musiker das Comeback, die Handlung nimmt gleich die ganz großen Fragen von Identitätspolitik, kultureller Aneignung und Rassismus mit auf und wagt sich nebenher gleich noch ans Thema Machtmissbrauch im Kulturbetrieb. „Denn was heißt schon Wahrheit in diesem Haifischbecken aus Perspektiven, Interpretationen und Manipulationen?“, fragt die Jury – und lädt das Stück zum Theatertreffen 2022 ein.


Das neue Leben. Where do we go from here

In „Das neue Leben. Where do we go from here“ trifft Dante auf Pop. Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz

Regisseur Christopher Rüping ist mit seinem Stück „Das neue Leben. Where do we go from here“, uraufgeführt am 10. September 2021 im Schauspielhaus Bochum, zum Theatertreffen eingeladen: eine Auseinandersetzung mit Dante Alighieris Jugendwerk „Vita nova“. Der mehr als 700 Jahre alte Text ist eine Auseinandersetzung mit Dantes großer Liebe – und wird von Rüping frei bearbeitet, und zwar auch frei nach Britney Spears und Meat Loaf. Ein Pop-Abend also zwischen den Sonetten, der im zweiten Teil auch die berühmte „göttliche Komödie“ aufnimmt. Dann, so die Jury, „weicht das arme und nahbare Theater des Beginns einem überwältigenden, fast größenwahnsinnigen Gesamtkunstwerk aus Licht, Klang, Bühnen- und Kostümbild – und Zeit“.


Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie

Ganz vorn: Philipp Grimm als Tartuffe. Foto: Sebastian Hoppe

Als Molière im 17. Jahrhundert sein Stück „Tartuffe oder der Betrüger“ am Hof des Sonnenkönigs im Schloss Versailles spielen ließ, provozierte er die höfische Gesellschaft. Die rasend schnelle Komödie über Orgon und dessen Familie, die auf den scheinbar makellos frommen Betrüger Tartuffe hereinfallen, passierte erst in einer dritten Fassung die französische Zensur. Volker Lösch besetzt für das Staatsschauspiel Dresden diese Figur mit dem personifizierten Neoliberalismus, sein Stück (Uraufführung war am 2. Oktober 2021) lässt den Großteil von Molière unter den Tisch fallen und arbeitet sich gedanklich an den großen Fragen der Ökonomie ab, viel wichtiger als der französische Komödienautor sind entsprechend der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty und dessen Analyse „Kapital und Ideologie“.


Die Jungfrau von Orleans

Annemarie Brüntjen (Johanna) und Boris Koneczny (Thibaut d’Arc) in "Die Jungfrau von Orleans". Foto: Christian Kleiner
Annemarie Brüntjen (Johanna) und Boris Koneczny (Thibaut d’Arc) in „Die Jungfrau von Orleans“. Foto: Christian Kleiner

Was macht man mit dem Schiller heutzutage? Der berühmte deutsche Dichter schuf 1801 eine „romantische Tragödie“, in der er Jeanne d’Arc ein heldinnenhaftes Lebensende andichtete, nämlich den Tod auf dem Schlachtfeld. Am Nationaltheater Mannheim hat sich die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak, in ihrer Heimat längst eine feste Größe, intensiv mit Schillers Text auseinandergesetzt und ihn mit ihrer Dramaturgin Joanna Bednarczyk kommentiert und dekonstruiert. „Die Jungfrau von Orleans“ ist ein Abend über heutige Heldinnen, den die Theatertreffen-Jury für produktive Unschärfen und Radikalität lobt.


Die Ruhe

Eine Performance-Installation, die sich über mehr als fünf Stunden streckt: "Die Ruhe" ist zum Theatertreffen 2022 eingeladen. Foto: Erich Goldmann
Eine Performance-Installation, die sich über mehr als fünf Stunden streckt: „Die Ruhe“ ist zum Theatertreffen 2022 eingeladen. Foto: Erich Goldmann

Eine mehr als fünfstündige Performance, zuerst gezeigt im ehemaligen Post- und Paketamt von Hamburg-Altona, beschert Signa Köstler (Konzept und Regie) die Einladung zum Theatertreffen. Die große Projektionsfläche ist der Wald, der Aufführungsraum wird in „Die Ruhe“ zum „Erholungsinstitut Hamburg“, das Publikum wird selbst in weiche graue Kleidung gehüllt und Teil der Performance-Installation. Die Performer:innen selbst sind Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft, eine Sekte gewissermaßen, und das Publikum muss sich darauf gefasst machen, dass immer wieder Grenzen überschritten werden, ohne Berührung, direkte Ansprache, ohne Teilnahme geht es nicht. Die Manipulation der Zuschauer:innen gehört zum Konzept, „Die Ruhe“ bereitet das Publikum auf eine Art Selbstauslöschung vor, auf den Abschied in die Natur. „Mit diesem hochimmersiven Setting kann das Publikum am eigenen Leib erleben, wie leicht es ist, sich in einem (Verschwörungs-)Kult zu verlieren“, so die Jury.


Doughnuts

In der Mitte: nichts. "Doughnuts" des japanischen Theaterkünstlers Toshiki Okada wird im Mai beim Berliner Theatertreffen zu sehen sein. Foto: Fabian Hammerl
In der Mitte: nichts. „Doughnuts“ des japanischen Theaterkünstlers Toshiki Okada wird im Mai beim Berliner Theatertreffen zu sehen sein. Foto: Fabian Hammerl

„Doughnuts“, die zweite Hamburger Produktion, die zum Theatertreffen 2022 geladen ist, wurde erst am 21. Januar 2022 uraufgeführt, am 3. Februar wurden bereits die zehn bemerkenswertesten Stücke eingeladen. Der japanische Theatermacher Toshiki Okada, schon 2020 mit der Münchner Inszenierung „The Vacuum Cleaner“ beim Theatertreffen vertreten, hat so etwas wie zeitgenössisches Nō-Theater geschaffen: Seine Figuren halten sich in ihren Bewegungen an eine komplexe Choreografie und komplizierte Sätze, die verhindern, dass viel geschieht. Sie warten nach einer Konferenz in einer Hotellobby aufs Taxi und illustrieren, was schon der Stücktitel verspricht: „eine Welt von Doughnuts eben, kreisend um eine leere Mitte“, so die Jury.


Ein Mann seiner Klasse

Klassismus im Theater: Christian Barons Roman "Ein Mann seiner Klasse" ist in Hannover für die Bühne adaptiert worden. Foto: Katrin Ribbe
Klassismus im Theater: Christian Barons Roman „Ein Mann seiner Klasse“ ist in Hannover für die Bühne adaptiert worden. Foto: Katrin Ribbe

Die Debatte um Klasse ist in Deutschland zurück, nicht zuletzt angestoßen durch den Band „Klasse und Kampf“. Mit Literatur und Klassismus haben wir uns hier beschäftigt, der Herausgeber Christian Baron hat das Thema auch in seinem Roman „Ein Mann seiner Klasse aufgegriffen“: die Lebensgeschichte über das Aufwachsen ganz unten, über Alkoholismus und Geldmangel, Jähzorn und den komplexen Umgang mit diesen Startbedingungen ins Leben. Den Roman hat Lukas Holzhausen für die Bühne adaptiert, das am Schauspiel Hannover uraufgeführte Stück ist als bemerkenswerte Inszenierung dieses Jahr zum Theatertreffen eingeladen.


humanistää! eine abschaffung der sparten

Mit "humanistää" ist auch Wien beim Theatertreffen 2022 vertreten. Foto: Nikolaus Ostermann / Volkstheater
Mit „humanistää“ ist auch Wien beim Theatertreffen 2022 vertreten. Foto: Nikolaus Ostermann/Volkstheater

Ernst Jandl, Anhänger der konkreten Poesie und experimenteller Lyrik, entfaltet seine ganze Kraft erst im Vortrag. Regisseurin Claudia Bauer hat mit „humanistää! eine abschaffung der sparten“ einen Ernst-Jandl-Abend auf die Bühne des Wiener Volkstheaters gebracht, der sich um Jandls preisgekröntes Theaterstück „Aus der Fremde dreht“ und daneben einen Einakter und Gedichte aufnimmt. Der Abend mit Masken, Perücken und einer ganz eigenen Wahrnehmung der Wirklichkeit lebt von den Sinnverschiebungen in der Wiederholung und wird von der Theatertreffen-Jury als „Fest für Jandl“ gewürdigt.


Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)

Grell und empowernd: "Like Lovers Do (Memoiren der Medusa). Foto: Krafft Angerer
Grell und empowernd: „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa). Foto: Krafft Angerer

Die Uraufführung von „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa) an den Münchner Kammerspielen, geschrieben von Sivan Ben Yishai und inszeniert von Pınar Karabulut, kommt mit einer Triggerwarnung daher: So explizit sind die Darstellungen von sexualisierter Gewalt, dass Retraumatisierung das Ergebnis sein könnte. Medusa, in der griechischen Mythologie die Tochter zweier Meeresgottheiten, ist hier der Aufhänger für einen Abend über Sexismus, Gewalt, Heterosexualität, Normen und Systeme von Unterdrückung und Unterstützung. „Ein Theaterbuch über all das, was wir als Liebende und Akteur:innen eines stabilien patriarchalen Systems einander antun“ heißt es im Suhrkamp-Theaterverlag über den Text, über dessen Inszenierung die Theatertreffen-Jury befindet: „Das Ganze bleibt ungemütlich, wenn auch auf andere Art als der Text: zu laut, zu grell – bis zum augenzwinkernden, unterschiedliche Formen des Empowerments erprobenden Schluss.“


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Das Haus der Berliner Festspiele befindet sich in Wilmersdorf. Die Theater im Stadtteil stellen wir hier vor. Immer neue Texte findet ihr in unserer Theater-Rubrik. Wenn ihr euch für Kultur begeistert, seid ihr hier richtig.