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Theatertreffen der Jugend im Haus der Berliner Festspiele

Alice

So gut wie alle großen Theater in Deutschland haben Jugendclubs – obwohl sie von Staats wegen keineswegs dazu verpflichtet sind. Aber der junge Input verhindere eben, sagt Birgit Lengers, Leiterin am Jungen DT, „dass sich Theater zu viel mit sich selbst beschäftigt“. Die Inszenierungen ihres Jugendclubs liefen am Deutschen Theater „unter gleichen Voraussetzungen im Repertoire wie jedes andere Stück“. Dafür setzt sie vorab auf Auswahlworkshops mit Improvisations- und Körpertraining. Das läuft nicht bei allen Ensembles so: „Die Aktionist*innen“ am Maxim Gorki Theater haben aus Prinzip aufs Casting verzichtet und die ersten 20 Anmeldungen eingeladen. Beim Theatertreffen der Jugend kommen die beiden Berliner Clubs mit Jugendlichen aus sechs anderen Produktionen in Austausch, auch solchen aus der freien Szene und herausragenden Schulproduktionen. Die Aufführungen sind öffentlich, richten sich an ein Publikum ab circa 13 Jahren.
Kritische MasseDen Auftakt machen zwei Stücke, die sich mit Gender beschäftigen – ein Thema, das bei den 126 Bewerbungen oft auftauchte. „das gender_ding“ der Neuen Sterne aus Hamburg fragt danach, was es heute heißt, weiblich oder männlich zu sein, auch außerhalb Mitteleuropas. Eine andere Perspektive aufs gleiche Thema nimmt der Jugend-club Die Aktionist*innen vom Maxim Gorki Theater Berlin ein. „Anne“ vom Jungen Schauspiel Frankfurt basiert auf Tagebuchtexten von Anne Frank. Wie verändert das die eigenen Wünsche und Sehnsüchte eines pubertierenden Mädchens, wenn Aufbruch und Abgrenzung vom Elternhaus nicht möglich sind? „Sehr geschickt wird zugleich von der historischen Anne erzählt und trotzdem viel Identifikationsfläche geboten für Leute in diesem Alter heute“, sagt Festivalleiterin Christina Schulz. Um beengte Sehnsüchte geht es auch bei „Late in the night …“, einer Collage aus brodelnden Gedanken und Albtraum.
Auch die Theatergruppe an der Schule für Blinde und Sehbehinderte in Königs Wusterhausen macht Albträume sichtbar. „Die Unberührbaren, die Förderschüler, die Ekelhaften“, tönt es aus dem Off. Der Schulleiter schwingt in Lack-und-Leder-Montur die Peitsche, spricht verdächtig hitlerhaft. „Eine unfassbar böse Groteske ist das“, schwärmt Juror Nils Kirchgeßner, 28. In „Alice“ vom Jungen DT (Vorlage ist das vermeintliche Kinderbuch von Lewis Carroll) bewegen die Jugendlichen in einem skurrilen Raum auch mal einen fetten Latexmann. „So komisch seid ihr“, scheint die Message an die Erwachsenen zu sein. Eine Parabel auf Fremdenhass ist die Dresdener Produktion „Katzelmacher“ nach dem Fassbinder-Film.
Den Festivalabschluss macht das Junge Schauspielhaus Düsseldorf mit dem sehr heiteren „Söhne wie wir – mach dir keine Sorgen, Mama!“. Um wilde Jungs geht’s da, deren ganze Coolness bei der Rückkehr ins Elternhaus zusammenfällt, „weil man gegenüber der Mutter einfach nicht cool sein kann“, sagt Festivalleiterin Schulz. Dann spannt das Stück aber auch den Bogen zum Festivalstart: Wie sehr kann ich leben, was ich will – als heterosexueller oder homosexueller Junge oder als Frau? Auffällig, dass unter den eingereichten Produktionen (und das schlägt sich in der Auswahl nieder) gut dreimal mehr selbst entwickelte Stücke waren als Klassiker а la Sophokles, Schiller und Shakespeare.

Text: Stefan Hochgesand

Foto oben: Arno Declair

Foto unten: Suna Gürler

Theatertreffen der Jugend, Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Wilmersdorf, Fr 29.5.–Fr 5.6., Karten-Tel. 25 48 91 00

www.bundeswettbewerbe.berlin

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