Peformance

Theatertreffen: Shifting Perspectives

„Vier Tage nicht schlafen“ – Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele, über das neue Theatertreffen-Format Shifting Perspectives

Theatertreffen 2017 „Social Muscle Club“, Foto: Andres Castoldi

tip Herr Oberender, um welche Perspektiven geht es in Ihrem Programmschwerpunkt „Shifting Perspectives“?
Thomas Oberender Das neue Format ist das Zukunftsschaufenster des Theatertreffens. Es geht um neue Stimmen, neue Akteure, um Transformation. Der angestrebte Perspektivwechsel ist zweifacher Art: Zum einen ist das neue Format  internationaler. Und zum anderen geht es hier weniger um fertige Werke als um experimentelle Prozesse: Workshops, szenische Lesungen, Lecture-Performances, Filme, Party. Shifting Perspectives wird unsere internationalen Formate bündeln und ein Zusammenspiel mit neuen Formaten wie den Gastspielen für internationale Koproduktionen kreieren, die wir in Kooperation mit dem Goethe-Institut zeigen. Sie wurden von Künstlern aus Deutschland gemeinsam mit Künstlern aus dem Ausland zu einem gesellschaftspolitisch brisanten Thema erarbeitet und erhalten in Shifting Perspectives nun einen eigenen Showcase.

tip Reagiert damit das Theater auf die gesellschaftlichen Veränderungen?
Thomas Oberender Die internationalen Gastspiele setzen sich mit dem Thema Politics of Identity auseinander. Die ökonomischen Transformationsprozesse, begleitet von einer digitalen Kulturrevolution, verändern die nationale, kulturelle und geschlechtliche Identitätskonstruktion weltweit und den Blick auf die eigene Geschichte. Das Gastspiel „Fin de Mission“ der deutsch-kamerunischen Gruppen kainkollektiv/
OTHNI entwickelt mit den Mitteln der Performance eine ungewöhnliche Sprache für die Darstellung, Kontextualisierung und Dekonstruktion des kolonialen Erbes.

tip Was ist ein „kollektives Forschungs- und Erlebnislabor an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaftspolitik“ und was erwartet uns da?
Thomas Oberender Vier Tage nicht schlafen, ein ständiges Pendeln zwischen Performances, Diskussionen, Workshops, Filmen, Musik in allen Räumen des Festspielhauses. So stelle ich mir es vor – eine Zusammenkunft von darstellenden und bildenden Künstlern, Kulturschaffenden und Wissenschaftlern aus der ganzen Welt. Es geht um die Durchmischung verschiedener Expertisen und künstlerischer Strategien. Der Stückemarkt veranstaltet in Koproduktion mit der Bundeszentrale für politische Bildung eine Konferenz zum Thema „The Art of Democracy“. Die „Wutbürger“-Video-Installation von Christoph Grünberger und Andreas Lutz tragen ebenso zu einer Vertiefung des Themas bei wie die Speaker’s Corner des Kollektivs FUX, eine performative Untersuchung im Theater- und Stadtraum von LIGNA oder eine Intervention des Performancekollektivs Talking Straight.

tip Sie sprechen von „Art of Democracy“. Ist Demokratie eine Kunst?
Thomas Oberender Oh ja! Friedrich Schiller vergleicht das Wunder der Demokratie mit einem englischen Tanz, wo durch das Vorhandensein von Regeln etwas so Schönes wie Freiheit und ein echtes Miteinander entsteht. Unser Titel spielt in einem doppelten Sinn mit der Frage, inwieweit überhaupt die Kunst selbst in ihren Strukturen als demokratisch verstanden werden kann und inwieweit Theater als öffentlicher Raum zur demokratischen Haltungsfindung beitragen kann.

tip Welche Gastspiele sollten wir auf keinen Fall verpassen?
Thomas Oberender Die Stückemarkt-Performance „Who cares?!“ des Künstlerinnenkollektivs Swoosh Lieu. Das  Gastspiel von „Fin de Mission“ und die Give-and-Take-Performance des „Social Muscle Club“, der neue Formen sozialer Begegnung und des Austauschs schafft.

Haus der Berliner Festspiele 11. – 14.5., Details auf www.berlinerfestspiele.de

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