Theater

Theatervorschau für den Sommer 2012

THEM_byIanDouglasDeutschlands größtes Tanzfestival wartet in diesem Jahr mit einigen Glanzstücken auf. Eröffnet wird der Tanz im August im Haus der Berliner Festspiele mit einem alten Bekannten, dem japanischen Choreografen Saburo Teshigawara. „Mirror and Music“ ist eine Gruppenkomposition zwischen Meditation und existenzieller Unruhe, voller Kontraste von Licht und Schatten, Lärm und Barockmusik, Hochgeschwindigkeit und Stillstand. Mal jagen die Tänzer mit gummiartig verdrehten Extremitäten, in die Luft schlagenden Armen und flatternden Händen durch den Raum, mal liegen sie mit verrenkten Gliedmaßen auf Holzplatten im verlöschenden Licht.

Zum Abschluss des Festivals zeigt die israelische Choreografin Sharon Eyal „Corps de Walk“ mit dem norwegischen Ensemble Carte Blanche. Alle 13 Tänzer sind in hautenge und hautfarbene Unisex-Hüllen gezwängt, die sie zwar entindividualisieren, aber nicht gänzlich ihrer geschlechtlichen Zuordnung berauben. Anthropomorphe Aliens, die abwechselnd Figuren und Muster des klassischen Ballett-Kanons zitieren oder sich unter blendendem Flutlicht zu martialisch-geometrischen Aufmärschen zusammenfügen. Die Vieldeutigkeit der Anspielungen, die diese Ästhetik der Hässlichkeit bei aller Simplifizierung innehat, lässt die Schule Ohad Naharins erkennen, in dessen Bat­sheva Dance Companie Sharon Eyal mehr als eine Dekade getanzt hat. Zwischen diesen beiden Eckpunkten des diesjährigen Tanz im August spannt sich das übrige Programm, dem seine Veranstalter das Motto „Figures of Speech“ mitgegeben haben. Text als rhythmischer Impulsgeber oder narrativer Ausgangspunkt von Choreografie und Inszenierungen findet sich in so unterschiedlichen Produktionen wie dem Solo „It’s going worse and worse and worse, my friend“ der Niederländerin Lisbeth Gruwez, die die Rede eines ultrakonservativen Fernsehpredigers in exakte Bewegungsexerzitien überträgt und auf diese Weise dessen sprachliche Aggression körperlich sichtbar macht.

Die Performance „Them“ des amerikanischen Choreografen Ishmael Houston-Jones, 1986 entstanden und 2010 wieder aufgenommen, ist ein raues Kammerspiel von archaischer Kraft, das sich um ewige Themen wie Sex und Gewalt dreht – begleitet von der ungeschliffenen Gitarre Chris Cochranes und Textpassagen über Homosexualität, Drogen und Suizid.
Weitere Höhepunkte versprechen der Kanadier Benoоt Lachambre, der in seiner multimedialen und multisensorischen Performance „Snakeskin“ mit Themen wie Häutung und Transformation experimentiert, sowie die Israelis Oren Laor und Niv Sheinfeld, die nach dem kleinen, aber feinen Erfolgsstück „Big Mouth“ ein weiteres Trio über die Realitäten des eigenen Landes choreografiert haben. In „Ship of Fools“ untersuchen ihre drei hervorragenden Performer die Beliebigkeit des Bösen und die Banalität der Grausamkeit.

Neu ist die Kooperation von Tanz im August mit der Tanznacht Berlin, die in diesem Jahr sinnigerweise auf die letzten Festivaltage fällt. Gemeinsam präsentieren sie das Projekt „X-Choreografen“, für das 15 Choreografen den Berliner Westen rund um den Kurfürstendamm erforschen, sowie die wuchtige Kollektiv-Produktion „Grind“ von Jefta Van Dinther, Minna Tiikkainen und David Kiers. Andreas Müller und Bo Wiget (Beide Messies) bespielen einen Bus-Shuttle, der die Besucher von einer Show zur nächsten chauffiert. Beide Veranstaltungen beenden ihre überbordenden Programme am 25. August mit einer rauschenden Abschlussparty.

Text: Elisabeth Nehring

Foto: Ian Douglas

Tanz im August – Internationales Tanzfest Berlin 2012 10.–25.8., auf verschiedenen Berliner Bühnen, u.a. im HAU, Podewil, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Akademie der Künste, Haus der Berliner Festspiele, www.tanzimaugust.de

VORSCHAU FESTIVALS

Juli:

Komische Oper Festival
Präsentation der Neuproduktionen der Spielzeit, die gleichzeitig den Abschied des Intendanten Andreas Homoki bedeutet.
2.–8.7., Komische Oper

Infektion
„Cage/Rihm/Strawinsky“ lautet das Motto des Festivals für Neues Musiktheater.
5.–15.7., Staatsoper im Schiller-Theater

August:

Odertal-Festspiele 2012
Buntes Sommerprogramm mit den Schauspielern der uckermärkischen Bühnen. Das Repertoire reicht von Kinderstücken über Revuen bis zu Operetten und Musicals.
bis 8.9., Odertalbühne Schwedt

STÜCKE

Juni:

Candide
Das Hexenkessel Hoftheater adaptiert die gleichnamige Novelle des französischen Aufklärers Voltaire im Stile der Commedia dell’Arte. Der Protagonist muss sein Heimatschloss verlassen und wird durch verschiedene Abenteuer auf eine harte Bewährungsprobe gestellt.
bis 13.7., Amphitheater/ Hexenkessel Hoftheater

Pagagnini
Die vier Violinisten verbinden klassische Musik und großes musikalisches Können mit erfrischendem Humor. Ihr Repertoire reicht von Pachelbel und Boccherini über Mozart, Chopin und zeitgenössische Musik bis zu den Herausforderungen schwierigster Pagagnini-Passagen.
bis 1.7., Tipi am Kanzleramt

Kultursommer im Natur-Park
Die Shakespeare Company Berlin bespielt das Gelände u.a. mit „Der Sturm“ und „Die Zähmung der Widerspenstigen“.
14.6.–15.9., Natur-Park Schöneberger Südgelände

Katharina Thalbach & Andreja Schneider
Eine Parkbank im Sommer: Ort der Verliebten, Einsamen und Durchgeknallten. Zu den stillen Zeitgenossen zählt Joachim, den Loreley mithilfe von Evergreens aus der Depression holen will.
22.6.–29.7., Bar Jeder Vernunft

Performanceaustausch Wien-Berlin
Berliner KünstlerInnen agieren parallel in Wien, während die Performances der Wiener an verschiedenen Orten in Mitte stattfinden, zu denen die Zuschauer auf einem Parcours geleitet werden. Mit dabei sind u.a. Clemens Krauss, Julius Deutschbauer, Yosi Wanunu / toxic dreams, God’s Entertainment und Rabtaldirndln.
23.+24.6., Sophiensaele und diverse Orte


Juli:

Die 12 Tenöre
Das Repertoire der Stimmvirtuosen reicht von klassischen Arien wie „Nessun Dorma“ über lockere Pop-Hymnen wie Madonnas „Music“ bis hin zum choreografierten „You Can Leave Your Hat On“ von Joe Cocker.
3.7.–18.8., Tipi am Kanzleramt

Wannsee, Luft und Liebe
Die Artistokraten um Martin van Bracht laden zum Sommervarietй.
3.7.–30.8., Blumenfisch am Großen Wannsee

Ass-Dur
Die Pianisten Dominik Wagner und Benedikt S. Zeitner bieten in ihrem Programm „1. Satz Pesto“ fulminantes Musik-Kabarett.
3.–22.7., Bar Jeder Vernunft

Spuk unterm Riesenrad
In der DDR waren die TV-Serien „Spuk unterm Riesenrad“, „Spuk im Hochhaus“ und „Spuk von draußen“ Kult. Schauplatz war der Spreepark im Plänterwald, der seit mehr als einer Dekade im Dornröschenschlaf versunken ist. Regisseurin Anne Diedering adaptiert den Familienspaß für ein Spektakel am Originalschauplatz.
6.–29.7., Spreepark

Dionysos
Die Premiere der Wolfgang-Rihm-Oper erfolgt im Rahmen des Infektion-Festivals. Für das Bühnenbild zeichnet Jonathan Meese verantwortlich.
8.–15.7., Staatsoper im Schiller-Theater

Shadowland
Das Schattentheater ist eine der ältesten Aufführungsformen der Welt. Das amerikanische Tanztheater Pilobolus verwandelt in seiner Aufführung „Shadowland“ menschliche Körper in faszinierende Formen. Dazu passt auch die Geschichte, in der einem Mädchen, das sich am Übergang zum Erwachsensein befindet, sein Schatten abhandenkommt und ein Eigenleben zu führen beginnt.
11.–22.7., Komische Oper

August:

Murat Topal
Von den An- und Überforderungen des modernen Y-Chromosomen-Trägers berichtet der Comedian in „MultiTool – Der Mann für alle Fälle“.
1.–5.8., ufaFabrik (Open-Air-Bühne)

Romeo & Juliet
Shakespeares Klassiker in einem postdramatischen und zeitgenössischen Mantel. Vier Performer entwickeln zusammen mit dem Publikum Erzähltechniken.
2.–9.8., Mirbachplatz vor der Brotfabrik

Made in Berlin
Opulentes Varietй, das mit einem schillernden Programm die Vielfältigkeit der Stadt abbildet.
ab 3.8., Wintergarten

Eckart von Hirsch­hausen
Eckart von Hirschhausen ist tatsächlich promovierter Mediziner. Seine Gabe, Wissenschaftliches drollig zu erklären, bescherte ihm zahlreiche Gastauftritte bei Harald Schmidt, doch längst füllt er die Hallen ohne prominente Hilfe. Sein aktuelles Programm „Liebesbeweise“ beschreibt und analysiert die Vorgänge, die zu den Schmetterlingen im Bauch führen.
6.+7.8., Bar Jeder Vernunft

Meyer & Schultz
Berlin-Premiere der Pantomime-Show „Lass mich Dein Badewasser schlürfen“.
16.+17.8., Brotfabrik

Seefestspiele Berlin: Carmen
Volker Schlöndorff inszeniert Bizets Geniestreich, in dessen Zentrum eine Femme fatale gegen die rigiden bürgerlichen Moralvorstellungen kämpft. 16.8.–2.9., Seebühne Wannsee / Strandbad Wannsee

VORSCHAU AUF DEN KLASSIK-SOMMER 2012 

DER KUNST-SOMMER 2012

Mehr über Cookies erfahren