Theater

Theaterwissenschaftler Ivan Nagel

Wer in Berlin ins Theater geht, verdankt Ivan Nagel viele tolle (und ein paar fürchterliche) Theaternächte. Sein Gutachten sorgte dafür, dass sich der Berliner Senat vor zwei Jahrzehnten ein Herz fasste und einem noch nicht sehr bekannten Regisseur namens Frank Castorf die Intendanz der Volksbühne anbot. Gut ein Jahrzehnt später hatte Ivan Nagel für die zuständigen Kulturpolitiker, die nach einem neuen Intendanten für das Hebbel Theater suchten, einen  guten Ratschlag: Matthias Lilienthal. Ein paar Jahrzehnte zuvor, Anfang der 1970er-Jahre, als eine Gruppe um Peter Stein und ­Dieter Sturm mit der Schaubühne das über viele Jahre wichtigste europäische Theater gründete, gehörte Nagel, damals noch als Autor der „Süddeutschen Zeitung“, zu den engagierten Verteidigern der jungen Schaubühne, damals noch am Halleschen Ufer, als ihr die provinzielle Berliner CDU wegen Kommunismusverdachts die Subventionen streichen wollte. Über Jahrzehnte war Nagel, der im Juni seinen 80. Geburtstag feierte, einer der einflussreichsten Intellektuellen im Feld des Theaters, ein Radikaler im öffentlichen Dienst  – ob in jungen Jahren als Chefdramaturg an den Münchner Kammersielen, als Autor, in den 70er-Jahren als Intendant des Deutschen Schauspielhauses Hamburg oder in den 90er-Jahren als Professor an der Universität der Künste.

Jetzt legt er in zwei Bänden seine Schriften zum Theater und zum Drama vor. Obwohl er in den Essays, Preisreden, Nachrufen und Interventionen die ihm wesentlichen Regisseure der vergangen Jahrzehnte – Kortner, Stein, Grüber, Zadek, Wilson, Marthaler, Castorf – in ihrer Kunst klug analysiert, obwohl er Schauspieler wie Therese Giehse oder Ulrich Wildgruber mit liebevoller Verehrung porträtiert, ist sein Buch mehr und etwas anderes als eine Geschichte des bundesrepublikanischen Theaters. Im sehr prinzipiellen Nachdenken über die Möglichkeiten des Theaters entwickelt Nagel ein ästhetisches Programm, subjektiv, in Bruchstücken, immer abgeleitet aus den Inszenierungen, an denen er sich gedanklich abarbeitet, ohne die Behauptung eines geschlossenen Systems, aber deshalb nicht weniger zwingend.

Wenn er über seinen Freund Peter Zadek (der ihn seinerseits einen seiner „Väter“ nannte) schreibt, Zadek „akzeptierte so wenig die Tyrannei der Schönheit über die Kunst wie die Tyrannei der Moral über die Erfahrung“, formuliert er gleichzeitig seine eigene Verachtung gegenüber einem Theater des selbstgefälligen Kitsches, der gedankenfaul aparten Oberflächenreize oder der doktrinären Predigt. Was er in Aufführungen von Klaus Michael Grüber beobachtet, erfahren hat, führt ihn zu einer schwer einzulösenden Maxime: „Es ist dem Theater nicht erlaubt, ein amüsanter oder gefühliger Teil unserer Lebensroutine zu sein. Jeder Aufführung ist aufgetragen, dass in unserem Kopf und Herzen etwas Unwiederbringliches geschieht.“ Was dann, wenn es, selten genug, einmal eintritt wie in Grübers „Bakchen“-Inszenierung, das Theater „zugleich zum Ort des Staunens und der Gewissheit“ macht – der Gewissheit darüber, dass die Menschen sich im Theater einen Ort geschaffen haben und immer wieder neu schaffen, an dem sie ganz anders, ungeschützter, radikaler, widersprüchlicher über ihr Leben nachdenken, ihren Gefährdungen und Lüsten begegnen können als das sonst irgendwo möglich wäre. Nagel erlebte in Grübers „Bakchen“ genau das: „Dreieinviertel Stunden lang geschah das Unerklärliche und Einleuchtende, das Unmögliche und Richtige.“

Nagel ist, wenn er über Theater schreibt, ein großer Liebender, aber keiner, den die Liebe blind macht, im Gegenteil. Ein Schwärmer, aber ein hellwach nüchterner Schwärmer, der sich bei den Künstlern, die er liebt, bedankt, indem er sich sehr geduldig in ihre Arbeit versenkt. Noch ein Beispiel dafür, wie sich unter Nagels Blick die Arbeit eines Regisseurs zum Nachdenken über unser Leben weitet: Marthalers „Verbannung alles Schnellen und Neuen, seine Versenkung ins Müde und Verbrauchte“ ist für Nagel wesentlich mehr als ein reines Stilmittel. „Marthalers Geduld entspringt einer tröstenden, gleichsam samaratischen Liebe zu uns armen, erbarmungswürdigen Menschen.“ Ähnlich präzise, eigenwillig, bei aller Komplexität der Gedankengänge kohärent, bei aller analytischen Schärfe nie kalt oder doktrinär, untersucht Nagel in seinen Schriften zum Drama Werke und Autoren von Shakespeare bis zu Büchner und Heiner Müller oder Elfriede Jelinek. Nagel erzählt immer auch mit, wie ihn das Theater, das er sieht, verändert, was er, in offenbar nie versiegender Neugier und Liebesfähigeit, ungefährdet vom milieuüblichen blasierten Zynismus, von den Künstlern, die er verehrt, gelernt hat. Dass er uns an diesem anhaltenden  Lernprozess teilhaben lässt, ist das Geschenk, das er uns mit seinen Büchern macht.

Ivan Nagel: Schriften zum Theater  288 Seiten, 17,90 €, Suhrkamp Verlag
Ivan Nagel: Schriften zum Drama 318 Seiten, 24,90 €, Suhrkamp Verlag

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