Gegenwartsdramatik

„Third Generation – Next Generation“ am Gorki

Alles nur ein Spiel: Yael Ronen lässt in „Third Generation – Next Generation“ virtuos Israelis, Araber und Deutsche aufeinander los

Foto: Ute Langkafel / Maifoto

Das Maxim Gorki Theater dürfte die einzige prominente Bühne des Landes sein, auf der ein Schauspieler für das wütende Bekenntnis, er sei stolz darauf, Deutscher zu sein, Szenenapplaus bekommt. Das Bekenntnis („Oh Gott, fühlt sich das gut an“) ist nur der Einstieg zu einer Suada der offensiven Heimatliebe: „Gerade im hippen Berlin hat die Deutschenverfolgung ein solches Ausmaß angenommen, dass ich ein heimlich praktizierender Deutscher werden musste“, klagt der Gorki-Schauspieler. Wir kennen ihn eigentlich als Dimitrji Schaad, den Sohn von Zuwanderern aus Kasachstan. Aber seine Einwanderer-Biografie hat er sich nur ausgedacht, erfahren wir jetzt. Damit wollte er im deutschenfeindlichen Theater seine Karrierechancen verbessern. In Wirklichkeit heißt er Dieter Schmidt, und jetzt ist es Zeit für sein Coming Out: „Warum sind wir das einzige Land der Welt, dass nicht stolz auf sich sein darf? Ich weiß, dass ich nicht der einzige in diesem Raum bin, der das denkt. Ich bin nur der einzige, der den Mut hat, das auszusprechen.“ Hoppla.

Dass es ausgerechnet im Gorki Applaus für dieses Bekenntnis zum Deutschtum gibt, muss man als meta-ironische Geste verstehen: Schon klar, ist alles nur ein Spiel. Die Gedankenwelten von Brachialpatrioten taugen höchstens dazu, sich darüber zu amüsieren. So funktioniert die ganze Inszenierung „Third Generation – Next Generation“, in der die Regisseurin Yael Ronen in ihrem bewährten Frontal-Kabarett-Stil mit deutschen, israelischen, jüdischen, palästinensischen, schwulen und veganen Identitätszuschreibungen genauso unverfroren jongliert wie mit echten oder erfundenen Schauspieler-Biografien. Der Witz ist natürlich, dass die Ebenen ständig ineinander kippen, etwa wenn Niels Bormann und Knut Berger nicht nur ihre verzickte (und vermutlich wahre) Liebesbeziehung durchspielen, sondern auch von ihren (vermutlich schamlos erlogenen) Demonstrationen gegen den „Chicken Holocaust“ ausgerechnet von israelischen Hühnerschlachthöfen berichten.

Geht es noch geschmackloser? Aber immer! Zum Beispiel, wenn drei aus Israel stammende Schauspieler, Orit Nahmias, Ayelet Robinson und Michael Ronen, israelische Teenager spielen, die gerade von ihrem Besuch in KZ-Gedenkstätten zurückkommen: „Wir waren in sechs Konzentrationslagern, Auschwitz war das beste“, gibt Michael Ronen breitbeinig zum besten. „Birkenau war auch cool“, aber Treblinka war eine Enttäuschung, nur Gras und Steine. Bevor jetzt jemand fragt, ob man über Auschwitz Witze machen darf (natürlich nicht), hilft vielleicht der Hinweis, dass Ronen und ihre Schauspieler jederzeit über alles Witze machen (inklusive des eigenen Sexlebens). Aber diese Szene macht sich gerade nicht über den Holocaust lustig, sondern über den unangemessenen, dummen, respektlosen oder touristischen Umgang mit der Erinnerung an ihn.

Die Geschmacklosigkeiten sind kein Selbstzweck. Sie spitzen die Konfliktlinien zwischen Palästinensern, Israelis und Deutschen nur bis zur Absurdität zu. Erst so kann man darüber lachen. Ist es traurig oder komisch oder hilflos oder eitel, wenn sich Niels Bormann auf der Bühne „als deutscher Mensch“ bei jedem jüdischen Schauspieler für die deutschen Verbrechen an den europäischen Juden entschuldigt („Ich wollte nur sagen, tut mir leid“)? Genervte Reaktion von Orit Nahmias: „Vergiß es.“

Erleichtertes Aufatmen des guten Deutschen Niels Bormann: „Ach, das ging ja einfach.“ Sein Nachname ist übrigens echt, und, ja, er ist verwandt mit dem NS-Funktionär und engem Hitler-Mitarbeiter Martin Bormann (behauptet er zumindest).

Komik ist in dieser Identitäts-Geisterbahn eine eher bittere Angelegenheit, das Lachen hat oft etwas von Notwehr. Die lockere Atmosphäre einer aufgekratzten Party, auf der man einander die bizarrsten biografischen Kultur-Clashs um die Ohren haut, kann jederzeit kippen. Dann hört der Spaß und das Spiel mit Doppelbödigkeiten und Fake-Biografien ziemlich abrupt auf. Etwa wenn die in Palästina geborene junge Schauspielerin Lamis Ammar ihre Empörung über die Zustände im Gaza-Streifen ihren aus Israel stammenden Kollegen hart, direkt und unversöhnlich ins Gesicht schreit. Oder wenn Karim Daouds, ebenfalls in Palästina geboren, von seinem (echten oder fiktiven) Bruder erzählt, der mit 14 Jahren von israelischen Soldaten angeschossen wurde und jahrelang im Rollstuhl saß. Dessen weitere Perspektiven: „Ohne Ausbildung, ohne Job, ohne nichts.“

„Third Generation – Next Generation“ ist das aktualisierte Remake der Inszenierung, die Yael Ronen vor einem Jahrzehnt in Deutschland bekannt gemacht hat. Dass einem das Lachen heute öfter als bei der Premiere vor zehn Jahren im Hals stecken bleibt, hat auch damit zu tun, wie sich Israel und Deutschland in dieser Zeit entwickelt haben.

Termine: Third Generation – Next Generation im Maxim Gorki Theater 


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