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Buch-Adaption

Gespräch mit Thomas Ostermeier über die Adaption von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“

„Diese Arroganz ist gefährlich“– Thomas Ostermeier über seine Inszenierung von Didier Eribons grandioser „Rückkehr nach Reims“ – sowie über die breite Kluft zwischen akademischer Linke und Proletariern in der Provinz

Foto: Arno Declair

tip Herr Ostermeier, weshalb inszenieren Sie jetzt ausnahmsweise kein Theaterstück, sondern ein Sachbuch, Didier Eribons vor einem Jahr erschienene „Rückkehr nach Reims“?
Thomas Ostermeier Das ist eine Reaktion auf die politische Situation. Nina Hoss war während des Wahlkampfs und der Wahl Donald Trumps in New York. Sie war wie wir alle entsetzt über diese Wahl, aber auch darüber, wie zum Beispiel die liberalen Eliten an der Ostküste darauf reagieren, nämlich etwas arrogant und beleidigt darüber, dass ihnen der Rest der USA das antut. Wir wollten beide als nächste gemeinsame Arbeit etwas machen, das mit dem neuen Rechtspopulismus zu tun hat. Ich hatte Eribons Buch im Sommer gelesen, das habe ich ihr vorgeschlagen. Man muss jetzt versuchen, sich kontinuierlich mit der neuen Rechten auseinanderzusetzen. Unser bescheidener Beitrag kann nur sein, das im Theater auf die Bühne zu bringen, unabhängig davon, dass man sich auch als Bürger wieder stärker engagieren muss. An Eribons Buch finde ich wichtig, dass er es sich nicht leicht macht und mit dem Finger auf andere zeigt, sondern sich und uns fragt, was der Aufstieg der neuen rechten Bewegungen mit der jüngeren Geschichte der europäischen Sozialdemokratie, der Linken und ihrem Versagen zu tun hat.

tip Eribon erzählt von sich selbst, ein Star-Intellektueller aus dem Pariser Establishment fährt zurück an den Ort seiner Herkunft. Er kommt aus proletarischen Verhältnissen, aus denen er sich durch seine Karriere als linker Akademiker befreit hat. Das ist auch eine Befreiung als Homosexueller aus einem homophoben Milieu. Sein Buch analysiert soziale Scham, aber auch sein Erschrecken darüber, dass seine Familie und ihre Freunde, die früher immer linke Parteien gewählt haben, jetzt alle ­offen für Le Pen sind. Was macht Eribons Buch so wichtig für Sie?
Thomas Ostermeier Als ich es gelesen habe, dachte ich immer wieder: Wow, ich bin nicht alleine. Vieles von dem, was er als Kind aus proletarischen Verhältnissen beschreibt, kenne ich aus eigenem Erleben. Dazu gehört das Gefühl von sozialer Scham, wenn andere Kinder sich einfach mehr leisten können, oder wenn man als Erwachsener vor allem von Leuten umgeben ist, die, anders als ich, aus bildungsbürgerlichen Elternhäusern stammen. Das Buch ist ein Hybrid aus persönlichem Bekenntnis-Essay und politisch-soziologischer Analyse. Es bekommt durch die persönliche Perspektive eine große Wahrhaftigkeit. Eribon fragt, ob er selbst wie sein Vater Opfer der sozialen Gewalt geworden ist, indem er die Klasse, aus der er kommt, verraten und auf sie herabgeschaut hat. Er war Marxist, aber mit der Arbeiterklasse in seiner eigenen ­Familie wollte er nichts zu tun haben; ein erheblicher Teil seiner Biografie war der Versuch, sich von dieser Familie zu befreien. Ist das nicht der übliche Weg des Intellektuellen aus der Provinz, der in Paris Karriere macht, sich für etwas Besseres hält und alle Kommunikationswege zu seinem Herkunftsmilieu kappt? Und wie kann man das mit den eigenen ­moralischen, politischen Ansprüchen vereinbaren? Darin habe ich mich wiedererkannt. Zum Beispiel haben meine Eltern von meinen Brüdern und mir nicht erwartet, dass wir ­Abitur machen, sondern Facharbeiter werden. „In unserer Familie geht man nicht aufs ­Gymnasium.“

tip Ist Eribons Buch jenseits dieser individuellen Konflikte auch eine Analyse des Versagens der Linken?
Thomas Ostermeier Eribons Buch stellt Verbindungen zwischen seiner Biografie und einem gesellschaftlichen Phänomen her. Das macht es so interessant. Er untersucht, wie sich die Linke immer ­stärker mit Identitätspolitik befasst, also mit Rechten für Minderheiten. Das war notwendig, aber es deckt auch Klassengegensätze zu. ­Viele, die heute sozial, materiell unterprivilegiert sind, fühlen sich von der Linken nicht mehr vertreten, das hat ein Vakuum für andere ­Kräfte frei gemacht. Dieses Desinteresse der Linken rächt sich jetzt. Man kann nicht einfach sagen, diese 10 oder 20 oder 30 Prozent, die für Parolen rechtsextremer Parteien empfänglich sind, sind alles Idioten. Man kann sich nicht einfach von einem Viertel der Gesellschaft verabschieden, diese Arroganz ist gefährlich.

tip Vor allem ist diese Arroganz eine gute Möglichkeit, sich nicht für die Abgehängten zu interessieren, sondern sie von der eigenen materiellen und kulturellen Komfortzone aus zu verachten. Hat der Verrat der Arbeiter­klasse durch die arrivierte, akademische Linke den Aufstieg der Rechtspopulisten erst möglich gemacht?
Thomas Ostermeier Es gibt sicher einen Zusammenhang. Aber im Kern geht es Didier Eribon nicht um eine Anklage, sondern um eine Selbstvergewisserung, die natürlich auch schmerzhaft ist. Auch wir versuchen in der Inszenierung uns selbst zu hinterfragen. Didier Eribon und ich sind zusammen mit dem Videokünstler Sébastien Dupouey, mit dem ich seit vielen Jahren zusammenarbeite, und einem Kameramann noch einmal nach Reims gefahren, in das Haus seiner Kindheit, zu seiner Mutter, zu der er ein schwieriges Verhältnis hat. Das war sehr emotional und hat noch einmal neue Reflektionen bei ihm in Gang gesetzt. Didier schreibt jetzt ein zweites Buch über diese Reise. Das so entstandene Filmmaterial verwenden wir in der Inszenierung. Man sieht ein Tonstudio, in dem ein Dokumentarfilm über Eribon vertont wird, Nina Hoss spricht Passagen seines Buches als Tonspur des Films ein. Eine andere Ebene der Inszenierung ist, dass Nina Hoss im zweiten Teil über sich selbst berichtet und darüber, was dieses Buch in ihr auslöst. Sie erzählt, dass sie während der Arbeit oft an ihren Vater denken muss, Willi Hoss, der Kommunist war und die Grünen mitgegründet hat.

tip Offenbar löst Eribons Buch bei vielen ­Lesern eine Auseinandersetzung mit der eigenen familiären und sozialen Biografie aus.
Thomas Ostermeier Das stimmt. Als ich das Buch gelesen und mit anderen darüber gesprochen habe, hat jeder, der es auch gelesen hat, sofort von sich selbst und seiner Herkunft gesprochen. Das ist ­bezeichnend für die Kraft von Didiers Buch.

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