Theater

„Die kleinen Füchse“ an der Schaubühne

Es wäre unfair, Thomas Ostermeiers neue Schaubühnen-Inszenierung nur als Star-Vehikel für die vom Deutschen Theater an den Ku’damm gewechselte Nina Hoss zu sehen, obwohl sie als kalte Diva Regina Hubbard natürlich eines der Zentren der Aufführung ist. Ostermeier unternimmt den Versuch einer Neuentdeckung von Lillian Hellmans Familientragödie „Die kleinen Füchse“. Das 1939 in New York uraufgeführte und zwei Jahre später mit Bette Davis verfilmte Stück der US-Autorin ist die Vivisektion einer Südstaatenfamilie um 1900. Die Brüder Ben und Oscar Hubbard sind mit Wucherzinsen und systematischer Ausbeutung von Schwarzen reich geworden. Ihre Schwester Regina ging beim Erbe leer aus und hat einen Banker geheiratet, den sie verachtet. Robustes Erwerbsstreben, selbstverständlicher Rassismus und ein sehr nüchtern instrumentelles Verhältnis zur eigenen Verwandtschaft gehen traute Allianzen ein.

Wenn Oscar seine aus einer vornehmen Familie kommende Frau Birdie sadistisch demütigt, ist das die Rache des vulgären Parvenüs an der alten Südstaatenaristokratie: Neues Geld entmachtet altes Geld. Allein für den Versuch, die zu Unrecht in Vergessenheit geratene Lillian Hellman für das Theater neu zu entdecken, muss man Ostermeier dankbar sein. Noch schöner wäre es natürlich, wenn seine Inszenierung ohne den Hang zur Überdeutlichkeit und klischierten Figurenzeichnung auskommen würde.

Ostermeier versetzt die Figuren aus der Südsraatenvilla der vorletzten Jahrhundertwende in eine Gegenwart der kühl glänzenden Designer-Möbel und wuchtigen Ledersofas auf leerer Bühne (Bühne: Jan Pappelbaum). Aus den breitbeinigen Großgrundbesitzern der Südstaaten sind graue Anzugträger geworden. Ben, der clevere der beiden erwerbstriebgesteuerten Brüder, ist bei Mark Waschke ein Macher mit trendbewusstem Hipster-Vollbart. Während seine Kiefer unwirsch mahlen und er die Lage stumm für sich durchanalysiert, betrachtet er seine Verwandten mit der kühlen Verachtung eines McKinsey-Beraters. Sein kleiner Bruder Oscar ist ein täppisches Riesenbaby (David Ruland). Für die Demütigungen durch den Familien-CEO entschädigt er sich, indem er seine Frau (Ursina Lardi) schlägt, eine hysterisch Depressive, die es auf dem langen Weg von der kultivierten höheren Tochter zur verzweifelten Alkoholikerin schon weit gebracht hat.

Weiterlesen: Benedict Andrews Operndebüt: „Der feurige Engel“   

Bens und Oscars Schwester Regina (Nina Hoss) hat sich im kalten, angewiderten Ekel und einem Panzer der Contenance eingerichtet. Nur manchmal zucken ihre Mundwinkel nervös. Für kurze Augenblicke ahnt man, wie anstrengend es sein muss, die Form zu wahren, diese Provinzspießer zu ertragen und dabei von Reichtum und einem mondänen Leben in New York zu träumen. Weil bei ihr Ambitionen und beschränkte Möglichkeiten so unerfreulich auseinanderklaffen, muss sie wie die gefährlichen Vamps des Film Noir entschlossen daran arbeiten, sich endlich die Millionen zu sichern, die ihr den Zutritt zum ersehnten Glamourleben fernab der lieben Verwandtschaft verschaffen sollen. Also gibt sie ihrem kranken Banker-Gatten (leise, berührend, fein: Thomas Bading) bei einem Herzanfall die lebensrettenden Medikamente einfach nicht. Sie denkt konzentriert nach, weiß, was für sie das Beste ist, und wartet dann gelassen ab, bis die Hilfeschreie des Sterbenden immer leiser werden.

Ostermeiers sehr glatt auf Wirkung gebügelte Inszenierung bietet eine moralisierende Kapitalismuskritik auf „Dallas“-Niveau an: keine guten Menschen, diese Millionäre.    

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Annehmbar

Die kleinen Füchse Schaubühne, Karten-Tel. 89 00 23 

Mehr über Cookies erfahren