Theater

Tim Etchells über „The Thrill Of It All! im HAU

Thrill_of_it_alltip In der neuen Forced-Entertainment-Produktion „The Thrill of It All“, die jetzt ins HAU kommt, buhlen die Performer unter anderem mit vorgespielten Herzattacken um die Aufmerksamkeit des Publikums. Gilt das alte Neil-Postman-Credo noch: Wir amüsieren uns zu Tode?
Tim Etchells Ja, es gibt dieses Zwillingsverlangen. Eins nach Amüsement, das andere nach Tod und Zerstörung. In „The Thrill of It All“ schaffen wir eine glitzernde, strahlende Oberfläche, die dann immer mehr Risse bekommt. Was harmlos beginnt, verkehrt sich mehr und mehr ins Gegenteil. Und natürlich geht es auch darum, dass man das Traumatische, Herzattacken und Depressionen unter Gesichtspunkten des Unterhaltungswertes betrachtet. In dieser Gesellschaft kann jedes Unglück verwertet werden, alles lässt sich ins Spektakel drehen.

tip Der Zwang zur fröhlichen Selbstvermarktung mittels Show und Fake ist ein Grundmotiv Ihrer Arbeit. Wie variieren Sie das in Ihrem neuen Stück?
Etchells
Zum einen verschwinden die Performer diesmal fast völlig unter ihren Kostümen, unter Perücken, ihre Stimmen werden so verzerrt, dass die Männer alle nahezu gleich klingen, die Frauen auch. Man bekommt den Eindruck von Leuten, die in einem beengten System gefangen sind, was ihre Versuche, eine Beziehung zum Publikum aufzubauen, nur noch verzweifelter wirken lässt. Vor allem aber ist es die körperlichste Arbeit, die wir seit langem gemacht haben. Sehr schweißtreibend. Uns hat die Sprache eines chaotischen, verrückten Tanzes interessiert, und der Widerspruch, Freude und Überschwang zu performen, während der Körper einen oft hängen lässt. Mit Anfang 20 hätte uns das wahrscheinlich noch nicht gereizt (lacht).

TimEtchellstip Neben Ihrer Theaterarbeit schreiben Sie seit einiger Zeit Romane. Gerade ist Ihr zweiter Roman „Broken World“ auf Deutsch im Berliner Diaphanes-Verlag erschienen. Darin erzählen Sie vom Sog des Cyberspace. Was fasziniert Sie daran?
Etchells Es ist ein Ort, wo Räume entstehen und Welten errichtet werden, die andere betreten können.  In dem Buch geht es um die Gebrauchsanleitung zu einem fiktiven Onlinespiel – etwas, das gewöhnlich von Fans geschrieben wird, die viele Stunden damit verbracht haben. Ich habe mal meinem ältesten Sohn dabei geholfen, eine Problemlösung für so ein Spiel zu finden, ich liebe einfach die Sprache dieser Anweisungen: Nimm die Waffe vom Schrank, geh den Korridor entlang, töte das Monster in Zimmer 207. Du schaffst dir einen Phantasie-Ort voller Handlungsvorgaben für außergewöhnliche Umstände – in meinen Augen ist das einer Performance ziemlich ähnlich.

tip Genießen Sie es, beim Schreiben die volle Kontrolle zu haben, im Gegensatz zur Theatersituation?
Etchells Zum Schreiben bin ich 2004 gekommen, als ich ernsthaft krank wurde, vieles absagen musste und nach einer Beschäftigung suchte, die mich ablenken sollte. Aber natürlich ist es, bei aller Liebe zu der Arbeit mit Forced Entertainment, auch sehr angenehm, zur Abwechslung an einem Text zu sitzen, ohne über jedes einzelne Wort verhandeln zu müssen. Im Probenprozess ist ja immer ein Freund zur Stelle, der dir sagt, dass du nicht das Richtige tust (lacht).     

Interview: Patrick Wildermann
Fotos: Hugo Glendinning

Termine: The Thrill of It All
im HAU 2

Tim Etchells: „Broken World“ Roman, Diaphanes Verlag, 384 Seiten, 22,90 Ђ

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