Neues Japanisches Theater

„Time’s Journey Through a Room“ im HAU

Nach der Katastrophe: Toshiki Okadas „Time’s Journey Through a Room“ kommt ins HAU

Time’s Journey Through a Room
Foto: Masumi Kawamura

Nach Stücken über die Verrenkungen im Leben moderner Angestellter („The Farewell Speech“) und die Generation der sozial vereinzelten und gleichsam in Monaden wisolierten Menschen setzt der japanische Regisseur und Autor Toshiki Okada  mit seinem neuen Stück die Diagnose einer verstörten, verunsicherten Gesellschaft fort. In „Time’s Journey Through a Room” fragt er, wie sich Japan nach dem Tsunami und dem GAU im Atomreaktor im März 2011 verändert hat. Die damalige Hoffnung Okadas und vieler anderer, der Schock der Katastrophe könne so etwas wie eine Öffnung, das Aufbrechen einer in falscher Harmonie erstarrten Gesellschaft auslösen, hat sich nicht erfüllt – inzwischen regiert wieder ein rechtnationalistischer Ministerpräsident, der auf den weiteren Ausbau der Atomenergie setzt.
Wie in einem No-Spiel (und ähnlich wie in Okadas Stück „Ground and Floor“) begegnen sich  in seinem neuen Stück die Lebenden und die Toten. Die Lebenden sind neidisch auf die Toten: Sie sind immerhin in einem Moment gestorben, an dem eine Art Aufbruch und Neubeginn möglich schien. Die Lebenden werden vom Geist eines Verstorbenen gequält, dessen Äußerungen von einer reinen, arglosen Hoffnung sprechen. Während der Tote bis zu seinem Ende an der Hoffnung festgehalten hat, wollen die Lebenden nur noch ihre Ohren davor verschließen und fliehen.
Okada hat, ähnlich wie Marthaler, eine sehr eigene Theatersprache geschaffen, die fein und leise große Eindringlichkeit entwickelt. Sein szenischer Minimalismus verbindet die Klarheit von Brechts Epischem Theater mit sehr trockenem Humor. Seine szenischen Zeichen sind in ihrer Kargheit auf nüchterne Weise poetisch und garantiert nicht geschwätzig. Dass manchmal auf der Bühne sehr wenig, im Kopf des Zuschauers aber paradoxerweise genau dadurch sehr viel geschieht, macht sein Theater ziemlich unverwechselbar. Wenn es jenseits der Volksbühne einen Regisseur gibt, von dem ich möglichst alles und alles am besten mehrmals sehen möchte, ist es Okada.

HAU 3 Di – Do 1. – 3.11., 19 Uhr, Eintritt 16,50, erm. 11 €

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