Theater

Tino Sehgal bei Tanz im August 2013

TinoSehgalIn Venedig erhielt er für seine Kunst soeben den Goldenen ­Löwen. In Großbritannien ist er für den Turner-Preis nominiert. Bei der Documenta sorgte seine In­stallation mit in einem völlig dunklen Raum tanzenden und singenden Akteuren für Aufsehen. Der Berliner Choreograf ­Tino Seghal ist im Olymp der zeitgenössischen Kunst angekommen.

Vor Tafelbildern des An­thropo­sophen Rudolf Steiner ließ er in Venedig ein paar Performer lümmeln, die immer nur diesen einen Satz ausriefen: „This is so contemporary!“ Dabei hat Sehgal an der altehrwürdigen Folkwang-Hochschule in Essen gar nicht Kunst studiert, sondern Tanz und nebenher auch Volkswirtschaft. Oder umgekehrt. Später ließ er an der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg zwei Tänzer eine Treppe herabsteigen. Ganz einfach. Sehr kunstlos. Sie waren nicht mal nackt. Trotzdem musste man an Marcel Duchamps berühmtes Gemälde von 1912 denken: „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2“.

Dieses „Trotzdem denken“ ist genau das, was man Konzepttanz nennt: In der Konzeptkunst geht es um die Idee, nicht um das glänzende Dekor. Dazu braucht es nur eine gute Skizze, nicht gleich Ölfarbe und Goldrahmen, nicht einen Haufen Tänzer und ein halbes Staatstheater. Es lässt sich auch mit wenig sehr viel sagen. Zum Beispiel: „Aber er hat ja gar nichts an!“ So rief das Kind, als es den nackten Kaiser sah. In Venedig reichte genau so ein Satz, um ein „Tier geschenkt zu bekommen“, wie Sehgal sich freute. Den „Löwen“ erhielt er zu Recht, alle trugen ein Schmunzeln auf den Lippen. Alles so schön zeitgenössisch hier! Hätte er denselben Satz auf einer Tanzbühne rufen lassen – nichts wäre passiert. Warum? Ist das Tanzpublikum anspruchsvoller als der Kunstkenner? Sind Kunstgänger empfänglicher für Ironie? Weder noch.

Aber ohne die bildende Kunst wäre Tino Sehgal bis heute nur einer von vielen avancierten Choreografen der Berliner Szene. Sein genialer Trick war der Genre-Wechsel: Was im Tanz nicht weiter aufregend war, ein temporäres Kunstwerk, das man nicht kaufen und nach Hause tragen kann, sorgte in der bildenden Kunst für die karrierefördernde Irritation. Jetzt zeigt er beim Tanz im August Stücke, die er im Jahr 2?000 choreografiert hat, also genau in der Zeit, in der er den Referenzrahmen wechselte und sich vom Tanz in die bildende Kunst bewegte. Wir sehen also: die Arbeit eines künftigen Weltstars.   

Text: Arnd Wesemann
Foto: picture_alliance


Ohne Titel – Tino Sehgal
HAU 1,
Di 27.+Mi 28.8., 21 Uhr,
Outdoor HAU 2, Di 27.+Mi 28.8., 20 Uhr,
HAU 3, Di 27.+Mi 28.8., 19 Uhr,
Karten-Tel. 25 90 04 27

 

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