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Klassiker

„Tod eines Handlungsreisenden“ am Deutschen Theater

Tragikgroteske des falschen Bewusstseins – Ulrich Matthes überzeugt mit seinem besten Auftritt seit Jahren: Als geduckte Existenz in Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“

Foto: Arno Declair

Wie es aussieht, dürfte Arthur Millers knapp sieben Jahrzehnte alter Angestellten-Konkurrenzangst-Klassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ eines der Stücke dieser Spielzeit werden. Nach Inszenierungen in Stuttgart und Köln hatte jetzt Bastian Krafts Variante am Deutschen Theater Premiere. Millers Handlungsreisender Willy Loman, der tapfer lächelnde „low man“, ein kleiner Mann, hat in Zeiten grassierender Abstiegsängste Konjunktur. Lomann ist ein Modernisierungsverlierer, der die aufsteigende Panik durch Überidentifikation mit dem Konkurrenzsystem, das ihn ausspuckt, zu bekämpfen versucht.
Der Boom des Stücks ist so naheliegend wie ambivalent. Naheliegend, weil sich die von Statusverlustängsten gestressten Mittelschichtsangehörigen im Zuschauerraum im armen Willy wiedererkennen können. Allerdings durchschaut er seine immer grotesker werdenden Manöver der Überanpassung nicht und bietet dem Betrachter so das angenehme Gefühl (oder die Illusion) der eigenen Überlegenheit: Wenigstens ist man selbst kein so ein armes, hoffnungslos im Abhängigkeiten zappelndes Würstchen. Ist die Regie ungeschickt, sentimentalisiert sie den bedauernswerten Handlungsreisenden. Spätestens wenn eine vergleichsweise gut abgesicherte Mittelschicht angesichts ungemütlicherer Zeiten in Selbstmitleid badet und „die Sorgen der bescheuerten Besorgten“ (so vor kurzem Diedrich Diederichsen) den Ton vorgeben, kann Millers Zeitdiagnose in politisch unreflektierten Inszenierungen ins ungefiltert Reaktionäre kippen. Aus Selbstmitleid wird dann die Legitimation für diffuses Ressentiment. So sieht man zwar, wo Rechtspopulisten ihre Wähler abholen – das aber um den Preis, dass genau solche Gefühlslagen im Bühnengeschehen ihre Bestätigung erfahren.

Bastian Kraft hat für seine Inszenierung am Deutschen Theater eine klügere Lösung gefunden: Er führt eine Art Modell vor und zeigt Loman als Jedermann-Figur und Durchschnittscharakter. Die Inszenierung lädt den Zuschauer nicht zum Selbstmitleid ein, sondern zur Besichtigung eines Selbstbetrugs. Ulrich Matthes spielt den tapferen Loman empfindsam, aber genau und erfreulich unsentimental. Wir können dabei zusehen, wie dieser Mensch Stück für Stück zerbricht und wie er zappelt, um verzweifelt am Selbstbild eines erfolgreichen Geschäftsmannes festzuhalten. Wir sehen, wie er sich müht, sein eigenes Zerbrechen, das langsame Abrutschen, die berufliche Erfolglosigkeit vor sich selbst, vor seiner Frau und seinen Söhnen (Benjamin Lille und Camill Jammal) zu überspielen und wie er dabei immer groteskere Verrenkungen macht. Es ist Matthes’ bester Theaterauftritt seit Jahren, in denen er eher durch auskunftsfreudige Interviews als durch bedeutende Theaterrollen aufgefallen ist. Er entgeht seinem Hang, etwas zu sehr von sich und seinen Figuren ergriffen zu sein. Stattdessen geht er in den anderthalb Stunden der Aufführung nüchtern und gerade in dieser Nüchternheit eindringlich durch Lomans letzte Lebens- und Lebenslügenregungen. Er zeigt ihn als nicht nur an den kapitalistischen Verhältnissen, sondern auch am eigenen Leistungs- und Konkurrenzethos Gescheiterten.
An einer der besten und traurigsten Stellen des Abends will Loman noch einmal aufbrechen und mit seinem Chef Klartext reden. Die Illusion einer besseren Zukunft flackert kurz und heftig auf. Seine Frau, gespielt von der großen Olivia Grigoli, schaut ihm nur sehr lange und sehr still hinterher. Sie liebt ihn, sie weiß, dass er keine Chance hat. Und jetzt steht sie einfach da und wartet, bis auch dieser Aufbruch zu nichts als zur nächsten, letzten Niederlage führt. Die kommt dann auch, Loman wird entlassen.
Auf der weiten, bis zum Rundhorizont geöffneten und nur spärlich mit Tisch und Stühlen möblierten Bühne sind die kleinen Menschlein rettungslos verloren. Über ihnen kreist, wie um die Höhe des leeren Raums zu betonen, ein einsamer Scheinwerfer (Bühne: Ben Baur). Die Erinnerungsfiguren, mit denen Loman endlose Selbstgespräche führt, tauchen als große Schatten am Rundhorizont auf wie Traumgespinste. Es sind die immer wieder als letzter Trost imaginierten Bilder einer besseren Vergangenheit. Loman spinnt sich in sie ein wie in eine Gedankenzuflucht, eine Rettung in den Wahn. Die Figuren bewegen sich, anders als in Millers Regieanweisung, nicht in einem milieurealistischen Hinterhof in Brooklyn, sondern sind in einem Menschenversuchslabor eingesperrt. In ihm lässt sich wie unter einem Vergrößerungsglas beobachten, was geschieht, wenn die Verhältnisse zugiger und die Versuche, letzte Reste der eigenen Würde zu verteidigen, hilfloser werden.

Weil es hier nicht um Handlungsspannung, sondern um modellhafte Klarheit geht, setzt Kraft den Todesfall des Handlungsreisenden an den Beginn des Abends. Er hat sich umgebracht, damit seiner Familie wenigstens die Prämie seiner Lebensversicherung als Trostpreis seines geplatzten amerikanischen Traums bleibt. Als in der kleinen Gruppe der Hinterbliebenen der Satz fällt, Willy Loman hätte „einfach den falschen Traum“ gehabt, wirkt das wie der Prolog zum gesamten Stück, eine Tragikgroteske des falschen Bewusstseins, in dem ein Verlierer wie ein Werbemaskottchen des Neoliberalismus das hohe Lied der Marktkonkurrenz singt. Als Matthes ganz am Ende langsam und zögernd in die Tiefe der Bühne abgeht wie in den Tod, dreht er sich noch einmal kurz zu uns um, macht leise „schschsch“ und eine abwehrende Handbewegung, als sollten wir nicht verraten, was wir eben gesehen haben: die traurige Wahrheit über Willy Lomans trauriges Leben und vielleicht auch über uns.

Tod eines Handlungsreisenden am Deutschen Theater

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