Theater

Tokio Shibuya – Japan Festival im HAU Berlin

PeninoManchmal kann Subversion sehr einfach, direkt und wirkungsvoll sein. Hajime Matsu­moto hat in Tokio vor vier Jahren damit angefangen, alte Elektrogeräte zu reparieren. Das genügte, um eine antikonsumistische Alternativbewegung zu inititiieren: In einem so stark auf Konsum fixierten Land, in dem dauernd die neuesten Sonys, Toshibas und Toyotas in den Markt gepresst werden müssen, ist es ein Verstoß gegen die ökonomischen Spielregeln, ältere Produkte nicht einfach wegzuwerfen, sondern weiterzubenutzen. Als direkte Reaktion auf Matsumotos Aktivitäten erließ die japanische Regierung ein Gesetz, das den Verkauf von vor 1990 produzierten Elektrogeräten verboten hat – Konsum als ers­te Bürgerpflicht. Vor Matsumotos Recycling-Läden in Koenji, dem Alternativviertel von Tokio, kam es zu Massendemonstrationen gegen das Gesetz, die Regierung musste es zurück­ziehen. Mitte Oktober kommt Hajime Matsu­moto ins HAU, um sich mit Guillaume Paoli, dem Hausphilosophen der „Glücklichen Arbeitslosen“, über diesen „Aufstand der Laien“ zu unterhalten. Matsumotos Haltung ist ziemlich unmissverständlich und nicht übertrieben bescheiden: „Ich möchte die Gesellschaft zersprengen, in der jedes Handeln Geld kostet.“

HAU-Chef Matthias Lilienthal hat Hajime Matsumoto in Tokio kennengelernt, als er für ein größeres Japan-Festival des HAU recherchierte. Und wie jeder, der einmal in Japan war, ist Lilienthal fasziniert von dem Land, in dem man so ziemlich alles durchritualisiert ist. „Ein merkwürdiges intellektuelles Kreuzworträtsel“, nennt das Lilienthal, „ein Land, in man als Europäer sämtliche Codes, Rituale und das komplette Normensystem erst mal nicht versteht.“ Und dann erzählt er, wie es war, für das Festival mit Japanern zu verhandeln – was kompliziert werden kann, weil Japaner prinzipiell und niemals „Nein“ sagen. Sie wiederholen dann einfach die Frage. Oder sie wechseln das Thema. Oder sie sagen „Ja – vielleicht“, aber so, dass es eigentlich „Nein“ bedeutet, oder zumindest bedeuten könnte. Eine schlaue Verhandlungsstrategie, die dem Ge­genüber gnadenlos die Bälle zurückspielt. Lilienthal: „Man musste in den Gesprächen immer die Rolle und die Interessen des anderen antizipieren.“faifai_my_Name
Der Grund, das Festival „Tokio-Shibuya: The New Generation“ zu veranstalten, ist einfach: „Ich habe das Gefühl, dass jetzt eine neue Generation, die so um die 30 ist, anfängt, Thea­ter zu machen“, sagt Lilienthal. Einer der spannendsten dieser jungen Regisseure ist Toshiki Okada. Vor einem Jahr war im HAU sein Stück „Five Days in March“ zu sehen: Monologe vor dem Hintergrund der Einberufung japanischer Soldaten in den Irak, in denen es um alles Mögliche ging, um einen Hamburger bei McDonalds oder einen Tag im Love Hotel, aber nicht um die Angst vor dem Kampfeinsatz. Für größere Gefühle war an der perfekten Oberfläche, im Parlando der Konsumkultur, kein Platz – was, natürlich unausgesprochen und damit typisch japanisch, eine so harsche wie melancholische Gegenwartsanalyse ist. „Eine der großartigsten Sachen, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, der Regisseur ist eine absolute Entdeckung“, schwärmt Lilienthal.
Zum Festival kommt Okada mit seinem neuen, eigens für Berlin produzierten Stück „Air Conditioner“. Man sieht ein junges Paar in Businesskleidung. Sie stehen im Wind einer sehr kalt eingestellten Klimaanlage, unterhalten sich über prekäre Leiharbeitsverhältnisse und machen dazu merkwürdige Tanzbewegungen. Sie schrauben sich in autistische Verrenkungen, ihre stilisierten, seltsam neurotischen Körperbewegungen erzählen vom Druck, unter dem die Figuren stehen. Auch hier wieder: Die Form wird gewahrt, der Anzug sitzt perfekt, der Druck entlädt sich auf Umwegen. Wobei die Körpersprache entschieden anders funktioniert als bei Europäern, schon allein weil sich Japaner im Alltag äußerst diszipliniert und kontrolliert bewegen – und zum Beispiel Körperkontakt strikt vermeiden.

Okadas Thema, die prekären Arbeitsverhältnisse, sind nicht einfach Text- und Redematerial für die Darsteller, es ist eines der brisantesten gesellschaftlichen Probleme des Landes – flächendeckend, auch für große Teile der Mittelschicht und sehr viel massiver als in Deutschland. Viele Unternehmen stellen neue Mitarbeiter nicht mehr fest an, sondern beschäftigen sie nur noch als Leiharbeiter oder mit Zeitverträgen. So entstehen gespaltene Belegschaften, ein Zwei-Klassen-System mit pri­vi­legierten Festangestellten mit alten Verträgen und prekär Beschäftigten. SuperRatGleichzeitig wird an der alten Fiktion einer Gesellschaft mit Vollbeschäftigung und lebenslänglicher Treue des Mitarbeiters zu seiner Firma (und umgekehrt) festgehalten, samt anachronistischem Rollenmuster, in dem der Mann seine komplett von ihm abhängige Familie versorgt. Yukio Hatoyama, der Wahlsieger, sagte im Wahlkampf frei von japanischer Höflichkeit den schönen Satz, wer keinen festen Job habe, verdiene es auch nicht zu heiraten. Okadas Stück mit den Tänzern in Businesskleidung erzählt von nackter Angst.
Verspielter behandelt der Regisseur Kuro Tanino in seinem Stück „Frustrierendes Bilderbuch für Erwachsene“ ähnliche soziale Druckverhältnisse. Man sieht Fabelwesen mit Schweinsnase und Schafsgesicht, die an einem Baum nagen und Unsinn reden. Darunter liegt ein Abiturient in einem durchsichtigen Sarg, die Fabelwesen sind seine Wahnvorstellungen. Es ist ein so buntes wie deutliches Bild für die Angst vor den äußerst harten Aufnahmeprüfungen für die Universität, von deren Ausgang die Zulassung zum Studium, die Berufschancen, im Prinzip das gesamte weitere Leben abhängt.

Solche massiven Druckverhältnisse und unverstellt brutalen gesellschaftlichen Hierarchien produzieren extreme Reaktionen – womit wir bei der traditionell anstrengenden und extradurchgeknallten japanischen Musik-Avant­garde wären. Zum Beispiel bei der großartigen, so hochenergetischen wie komplexen Postpunk-Krautrock-Freejazz-Krach-Band Ghost, die jederzeit dafür gut ist, den begeis­terten Nerds im Publikum das Hirn wegzublasen – jetzt auch im HAU. Lustig sind auch die Geschichten, die die Band von sich in Umlauf bringt, zum Beispiel die Anekdote, die Bandmitglieder würden in leer stehenden U-Bahnstationen oder in den Ruinen antiker Tempel leben. Auf ganz andere Weise abgedreht und mindestens genauso unterhaltsam sind die Konzert-Theater-Shows der Girlieband Faifai, die im Foyer des HAU 2 eine Performance-Party feiert und bei der Gelegenheit Geschichten aus dem riesigen Rotlichtviertel Tokios aus der Sicht von 25-jährigen Mädchen erzählt – sozusagen die Antwort japanischer Twenty­somethings auf Constanza Macras. Und weil irgendwer den ganzen Wahnsinn einordnen muss, hat das HAU den Poptheoretiker Atsu­shi Sasaki, der nebenbei ein Posttechno-Label betreibt, sozusagen der Diedrich Diederichsen von Japan, zu einem Gespräch über „Die kulturellen Metamorphosen Japans seit den 90er Jahren“ eingeladen.
Sehr apart ist auch die lässige Kreuzung aus der Pokemon-Figur Pikachu und den normalen Straßenratten, die in den Abfallbergen Tokios prächtig gedeihen: In der Videoinstallation „Super Rat“ zeigen Chim Pom, wie sie die Ratten in den Straßen Tokios fangen. Anschließend haben sie die Ratten getötet, ausgestopft und angemalt, bis sie aussahen wie von Disney erfunden. Tolles Land, Japan.

Text: Peter Laudenbach
Fotos: Aki Tanaka, Kazuya Kato, Chim-Pom-couretesy-of-Mujin-to-Production_-Tokyo

Tokio – Shibuya
Mi 14. bis Sa 17.10, im HAU 1, HAU 2, HAU 3

 

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