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Toshiki Okada: „Die Zukunft Japans sehe ich sehr pessimistisch“

Toshiki_Okada_c_Nobutaka_SatoToshiki Okada, in Ihrem neuen Stück „Ground and Floor“ sagt eine schwangere Frau völlig selbstverständlich, dass sie sich nicht vorstellen kann, dass ihr Kind in Japan ein glückliches Leben haben wird. Sie haben selbst kleine Kinder. Teilen Sie manchmal diese Gefühle und Gedanken Ihrer Bühnenfigur?
Ja. Das ist mein bisher persönlichstes Stück. Mittlerweile, vier Monate nach Probenbeginn im Mai, kann ich das eingestehen. Die Figur der schwangeren Frau namens Haruka ist meinen eigenen Gefühlen am nächsten. Ich teile mit ihr nicht nur die Gedanken in Bezug auf Kinder, sondern auch viele andere. Und deshalb wollte ich sie auch nicht als einen grundanständigen Menschen entwerfen, sondern habe sie ziemlich unsympathisch gezeichnet. Damit Harukas Text nicht sofort als mein eigenes Statement gelesen wird, habe ich sie als weibliche Figur entwickelt.

Im Japan der Zukunft in „Ground and Floor“ haben die Menschen Angst vor Raketenangriffen und einem Krieg mit China. Sie fragen sich, ob es in Zukunft noch Menschen geben wird, die japanisch sprechen. Eine Figur, Yukio, will das zerstörte Land wieder aufbauen. Spiegeln sich in diesem Bild eines verwüsteten, angsterfüllten Landes Ihre eigenen Ängste?
Dem muss ich zustimmen. Sowohl in Bezug auf die Sorge vor Krieg als auch im Hinblick auf den Niedergang des Japanischen. Die Zukunft Japans sehe ich sehr pessimistisch. Doch zugleich denke ich, dass ich als japanischer Theatermacher nicht so pessimistisch sein und etwas Besseres machen sollte als bloß zu jammern. Ich glaube, dass dieser Konflikt, den ich in mir trage, sich unmittelbar in dem Stück niederschlägt.

Sie zeigen Ihre Inszenierungen in der ganzen Welt. Leben Sie noch gerne in Japan?
Momentan fühle ich mich dort sehr wohl. Aber ich bin immer auf der Hut, weil ich nicht weiß, wie lange die Lage in Japan das erlaubt.

Eine Frau in Ihrem Stück, Satomi, hat sich völlig zurückgezogen, sie kann die japanische Gesellschaft nicht mehr ertragen. Steht Satomi für eine in Ihrer Generation weit verbreitete Haltung?
Ich musste bei der Arbeit an diesem Stück immer wieder an Hannah Ahrendts Ausdruck von der „inneren Emigration“ denken. Satomi ist ein Produkt dieser inneren Emigration. Ahrendt schreibt, dass es Menschen gibt, die nicht anders können, als sich der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu verweigern, sich in sich zurückzuziehen und in einen Zustand der inneren Emigration zu verfallen. Nicht wenige Menschen in Japan befinden sich in einem solchen Zustand. Sie sind zutiefst von der Gesellschaft enttäuscht, was sie aber nicht dazu bewegt, etwas an dem Status quo zu ändern, sie begeben sich auch nicht physisch, äußerlich ins Exil. Sie gehen in ihrem Schneckenhaus auf Distanz, um sich selbst vor dieser schrecklichen Gesellschaft zu schützen. Ich weiß nicht, ob dieser Zustand der inneren Emigration tatsächlich unvermeidlich ist. Aber ich denke, dass Satomi die Haltung und Emotionen einer gewissen Anzahl von Menschen unserer Generation vertritt.

Sie spielen in der Aufführung damit, dass die europäischen Zuschauer die japanischen Schauspieler nicht verstehen können. Ab und zu lassen Sie die Übertitelungsanlage mit Verspätung arbeiten. Mögen Sie es, dass Ihr Theater auf Ihren Tourneen in Europa oder den USA nur zum Teil verständlich, ein Fremdkörper ist?
Es ist ganz und gar nicht meine Absicht, einen absonderlichen Fremdkörper auszustellen. Andererseits lässt es sich auch nicht vermeiden, dass es so wirkt. Mir selbst macht die Tatsache nichts aus, dass wir außerhalb Japans einen absonderlichen Fremdkörper darstellen und sich dieser Effekt zum Beispiel für das europäische oder amerikanische Publikum einstellen kann. In dem Stück „Ground and Floor“ habe ich damit bewusst gespielt, aber das habe ich deshalb getan, weil es mit dem Thema des Stückes zu tun hat. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte ich es auch nicht gemacht, das sollte man wohl auch nicht, denke ich.

Okada_GroundAndFloor_c_KamelMoussaSie nennen „Ground and Floor“ ein „Musiktheater mit Geistererscheinungen“. Welche Rolle spielt die Musik der Tokioter Gruppe Sangatsu?
Ich wollte, dass in „Ground and Floor“ Musik und Schauspiel gleichberechtigt sind. Und außer der Gruppe Sangatsu konnte ich mir niemanden vorstellen, der so Musik macht. Die Rolle, die Sangatsu in diesem Stück zukommt, ist in der Tat sehr groß. Es war Teil des Konzeptes, dass sich die Musiker bei der Komposition der einzelnen Szenen auf unterschiedliche Arten und Weisen gegenüber den Schauspielern auf der Bühne beteiligten. Ihre sehr abwechslungsreiche Musik wird niemals monoton.

Die wichtigste Figur Ihres Stückes ist der Geist einer Toten. Knüpfen Sie damit an Erzählweisen des No-Theaters an? Was bedeutet Ihnen diese alte japanische Theaterform?
Wenn hier in diesem Stück Schauspiel und Musik gleichberechtigt nebeneinander Bestand haben, dachte ich dabei als Referenz nicht an Oper oder Musical, sondern an das No-Theater. Das No-Theater setzt genau das um, was ich erreichen möchte. Dabei meine ich nicht so sehr das Erscheinen von Geistern auf der Bühne, sondern zunächst einmal mein Interesse an der Form des No-Theaters als Musiktheater. Doch dieses Mal wollte ich auch ein Stück mit Toten und Geistern schreiben, was mich auch wieder für No-Theater begeistert hat. Natürlich ist das No-Theater eine traditionelle Theatergattung Japans, aber ich finde es für mich überzeugender, es weniger als eine traditionelle japanische Form zu sehen, sondern eher als eine Gattung, die durch die Hand eines Künstlers namens Zeami ins Leben gerufen wurde. Für mich spiegelt sich im No-Theater nicht bloß etwas typisch Japanisches, sondern eine gewisse schriftstellerische, dramaturgische Qualität. Aber bestimmt ließe sich noch viel von diesem Künstler namens Zeami, der in ferner Vergangenheit lebte, und den von seiner Hand geschaffenen Formen lernen. Ich möchte noch viel über das No-Theater erfahren.

Was bedeutet Ihnen überhaupt die Form des Theaters?
Für mich ist die Form wie eine Oberfläche. Diese Oberfläche ist vergleichbar mit der Haut oder der Schale von Obst und Gemüse. Oft kommt es vor, dass diese Schale hart und nicht besonders wohlschmeckend ist, aber eine Frucht ohne Schale gibt es nicht. Somit muss die Oberfläche existieren. Und aus demselben Grunde kommen wir um die Form nicht herum. Aber das bedeutet für mich nicht, dass der Form etwas Negatives anhaftet. Denn sonst könnte man auch nichts mehr erschaffen. Ich denke recht wenig über die Bedeutung der Form nach. Wenn ich über die Aspekte der Form nachdenke, dann gewöhnlich von einem pragmatischen Standpunkt aus. Ich frage mich eher, ob das Resultat, das eine gewisse Form erzielt, stark genug ist oder mich anspricht.

Ihre Stücke sind immer auch subtile Zeitdiagnosen. Können Sie beschreiben, wie sich die japanische Gesellschaft in den Jahren nach der Fukushima-Katastrophe 2011 und dem Regierungswechsel zur rechten LPD-Regierung verändert hat?
Die Nuklearkatastrophe hat die japanische Gesellschaft gespalten, zum Beispiel in der Frage, welche Haltung man gegenüber der Kernenergie einnehmen soll. Wenn man einmal nüchtern die Tatsache akzeptiert, dass ein Riss durch die Gesellschaft Japans gegangen ist, dann wird schnell klar, dass die dominierende Tendenz nicht etwa die ist, sich der Lösung der anstehenden Probleme zuzuwenden, sondern der Wirklichkeit nicht ins Auge zu sehen. Dass es der LPD nun wieder gelungen ist, zur wichtigsten Partei zu werden, ist meiner Meinung nach Ausdruck eben dieser Tendenz. Ich denke nicht, dass sich ein großer Teil der japanischen Bevölkerung einen Rechtsruck in der Politik wünscht. Aber vielleicht möchte ich das auch nur so sehen. Viele Menschen haben sich nach einer Leitfigur mit starken Führungseigenschaften gesehnt, damit sich Japan eben nicht spaltet und seine Einheit behauptet.

Könnten Sie sich vorstellen, mit europäischen Schauspielern zu arbeiten?
Ja. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt habe ich zwar weder die Zuversicht noch die Sicherheit zu sagen, was ich dabei zustande bringen könnte, aber ich habe den starken Wunsch, das einmal auszuprobieren.

Matthias Lilienthal, der frühere HAU-Indendant, übernimmt 2015 die Münchner Kammerspiele, eines der wichtigsten deutschen Theater. Hat er Sie schon gefragt, ob Sie dort Regie führen möchten?
Selbstverständlich habe ich bisher noch keinerlei Anfrage vonseiten der Münchner Kammerspiele erhalten. Aber natürlich wäre es mir eine große Ehre, wenn es dazu kommen sollte.

Interview: Peter Laudenbach, Übersetzung aus dem Japanischen: Andreas Regelsberger

Foto: Nobutaka Sato (oben), Kamel Moussa

Ground and Floor HAU 2, Di 22., Do 24.10., 20 Uhr; Fr 25.10., 19 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

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