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Toshiki Okada über das Leben nach der Katastrophe in Japan und seine Stücke beim HAU-Festival

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Hier stimmt etwas nicht: Szene aus Okadas Inszenierung „Current Location“. Foto: Tsukasa Aoki

Seine Inszenierungen thematisieren mit einer unverwechselbaren Formsprache in großer Klarheit und Poesie Zustände der Entfremdung und sozialen Ortlosigkeit. In ihrer fast choreografisch durchgeformten Körpersprache und der Reduktion der szenischen Mittel erzählten sie schon vor Fukushima von einer verunsicherten japanischen Gesellschaft in der Krise. Am HAU waren unter anderem seine Stücke „The Farewell Speech“, „Air Conditioner“, „Five Days in March“ und „Ground and Floor“ zu sehen. 2012 ist im Fischer Verlag ein Band mit seinen Erzählungen erschienen: „Die Zeit, die uns bleibt“.

Toshiki Okada, Ihr Stück „Current Location“, das das Japan-Festival im HAU eröffnet, ist vor drei Jahren unmittelbar nach der Reaktor-Katastrophe von Fukushima entstanden. Weshalb sind die Figuren auf der Bühne wie erstarrt?
Das weiß ich auch nicht genau. Es ist nicht so, dass ich die Bewegung der Figuren bewusst anhalten wollte. Aber es hat es sich so entwickelt, dass die Figuren sehr starr sind. Es ging mir vor allem um die Spannung zwischen den Performern auf der Bühne und den Zuschauern. Dieser Zustand der Anspannung war mir in diesem Moment am wichtigsten.

Sie schreiben in einem Essay, dass Sie die „Erfahrung der Stimmung in der Gesellschaft nach der Katastrophe“ sehr beschäftigt. Wie hat das Ihre Arbeit und Ihr Theater verändert?
Nach dem Erdbeben und dem Nuklearunfall im Jahr 2011 habe ich mit meiner Theatergruppe chelfitsch zwei neue Stücke erarbeitet. „Current Location“ und „Ground And Floor“. In der Arbeit an diesen beiden Stücken habe ich mich entschieden, den Einfluss, den die Katastrophe auf mich ausgeübt hat, nicht zu verstecken, sondern auf eine sehr direkte Weise zu zeigen. Mit dem Einfluss der Katastrophe meine ich vor allem die Wahrnehmung einer Spaltung, die sich in mir selbst vollzogen hat. Nur wenige Japaner haben wie ich aus Angst vor der Strahlung ihren Wohnort verlassen. Ich weiß nicht, wie viele Leute in Japan ähnlich große Angst haben wie ich. Zum Beispiel esse ich, wenn ich in Japan bin, keine Meeresprodukte mehr. Aber vielleicht ist das übertrieben. Viele Leute essen genau wie früher Fisch. Das Gefühl, in meiner ganzen Art zu denken und in meinen Wertvorstellungen Angehöriger einer unbedeutenden Minorität zu sein, wurde plötzlich übermächtig. Das beschreibt für mich die Stimmung nach der Katastrophe vom 11. März 2011.

Rührt die Erstarrung der Bühnenfiguren aus diesem Gefühl, dass Ihre Ängste Sie zum Teil einer isolierten, kleinen Minderheit machen?
Dieses Gefühl einer Spaltung ist für mich eine bedeutsame Erfahrung, ein sehr reales Problem. „Current Location“ ist ein Stück genau zu diesem Thema: der Spaltung. In einem anderen Stück, „Ground And Floor“, das letztes Jahr auch in Berlin zu sehen war, gibt es eine Figur, die die Gefahr sieht, dass Japan vielleicht untergehen wird. Ist es ex­trem, solche Bilder der Gefahr zu entwerfen? Oder nicht? Was ich für mich selbst sagen kann, ist, dass ich diese Gefahr sehe. Und diese Perspektive habe ich in die Form eines Theaterstücks gebracht. Dass das für das japanische Publikum eine verstörende oder auch störende Sache wird, wusste ich natürlich schon vorher. Ich habe es gemacht, weil ich dachte, dass es notwendig ist, so etwas zu tun. Ich wollte mit den Menschen, die mein Stück sehen, diesen Zustand der Anspannung zu teilen. Dass der Ort der Aufführungen ein Ort der Anspannung ist, ein Ort, der wie vereist ist, das hatte ich eigentlich nicht intendiert. Aber vielleicht hatte ich es mir irgendwo im tiefsten Innern gewünscht. Das war mein Theater in den letzten zwei Jahren.

Was geschieht in Ihrem neuen Stück „Super Premium Soft Double Vanilla Rich“?
Eigentlich passiert nichts Großartiges. In einem Spätkauf, einem Convenience Store,  begegnen sich Jobber, die erst seit Kurzem in diesem Laden arbeiten, und Kunden, die ein bisschen seltsam sind. Einige Kunden beschweren sich, eine Frau kommt, um ein bestimm­tes Eis zu kaufen, das ganz neu auf dem Markt ist. Solche Dinge spielen sich dort ab.

TOSHIKI_OKADA_01_c_Nobutaka_SatoWeshalb hören wir in diesem 24-Stunden-Kiosk auf einmal Musik von Johann Sebastian Bach?
Ich hatte das Gefühl, dass der ornamentale Charakter der Musik von Bach sehr gut dazu geeignet ist, seinen Körper dazu zu bewegen. Die Musik von Bach hat eine große Systematik und Logik, und sie hat einen hohen Grad von Spiritualität. Es ist eine sehr pure, reine Musik ohne unnötiges Beiwerk. Zumindest verwende ich sie in meinem Stück so. Unser tägliches Leben ist genau das Gegenteil dessen, was ich in Bachs Musik finde. Im Leben sind wir täglich von einer Fülle von Dingen umgeben, die eigentlich unerheblich sind. Zumindest ist mein eigenes Leben so. Um diesen Kontrast ging es mir, diese Banalitäten des Convenience Stores und die erhabene Einfachheit von Bachs Musik.

Wie hat sich die japanische Gesellschaft nach dem Reaktor-Unfall und in der Wirtschaftskrise unter der rechten Regierung von Shinzo Abe in den letzten Jahren verändert?
Nach dem Reaktor-Unfall hatte uns das unablässige Freiwerden radioaktiver Partikel am meisten Angst eingejagt. Aber ich darf eigentlich nicht von „unserer“ Angst sprechen, ich meine meine eigene Angst. Aber nach drei Jahren ist das nicht mehr das Einzige, wovor ich Angst habe. Am Kernkraftwerk Fukushima Daiichi fließt immer noch radioaktives Wasser ins Meer, das macht mir selbstverständlich nach wie vor Sorgen. Aber genauso beunruhigt mich die politische Situation in Japan. Meine Angst vor einem Krieg ist größer geworden.

Ist der Konformitätsdruck in der japanischen Gesellschaft in der wirtschaftlichen Krise gewachsen?
Aus meinem persönlichen Eindruck kann ich das nicht bestätigen. Aber mein Gefühl ist, dass so ein Zustand jederzeit eintreten könnte.

Kompensiert die rechte Regierung in Japan die anhaltende Wirtschaftskrise mit aggressivem Nationalismus?
Ich als ein einfacher Bürger weiß nicht, ob die Regierung Wirtschaftskrise und Nationalismus tatsächlich in einem Zusammenhang denkt. Aber im Ergebnis wiederholt sich, was in der Geschichte an vielen Orten geschehen ist. Armut, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise verbinden sich mit Nationalismus. Das wird wohl passieren. Wenn es Menschen wirtschaftlich nicht gut geht, tun sie irgendetwas, um das psychisch zu kompensieren, zum Beispiel diskriminieren sie Ausländer. Es passiert andauernd und wird auch in Zukunft passieren. Das ist mir zuwider.

Weiterlesen: Drei Jahre nach Fukushima: Das HAU-Festival Japan Syndrome besichtigt eine Gesellschaft nach der Katastrophe

Sie sind nach der Katastrophe von Fukushima mit Ihrer Familie aus Tokio weggezogen und leben jetzt im westlichen Teil Japans, möglichst weit entfernt von Fukushima. Wie hat sich Ihr Leben verändert?
Ich bin in der Stadt Yokohama in der Nähe von Tokio geboren und aufgewachsen. Im Großraum Tokio leben unheimlich viele Menschen. Daher ist es für mich sehr angenehm, an einem Ort zu leben, an dem das nicht so ist. Meine ganze Familie ist im Moment sehr glücklich darüber, dass wir aus Tokio weggegangen sind. Aber wenn ich probe, bin ich in Yokohama, und ich toure sehr viel mit meinen Produktionen. Deswegen kann ich im Moment noch nicht wirklich sagen, dass Kumamoto im Westen Japans, wohin ich gezogen bin, so etwas wie meine Basis geworden ist. Vielleicht habe ich deshalb das Gefühl, meine Wurzeln verloren zu haben, ein Gefühl der Furcht und Unruhe. Ich denke viel darüber nach, wie es weitergehen könnte. Aber wahrscheinlich geht mein jetziges Leben, in dem ich neue Stücke erarbeite und an verschiedenen Orten der Welt zeige, noch ein paar Jahre so weiter. Über die Frage, wie ich mit meinen Wurzeln umgehe, werde ich später nachdenken, vermute ich.

Interview: Peter Laudenbach; Übersetzung: Ulrike Krautheim

Foto: Nobutaka Sato (Okada)

Current Location HAU2, Di 20.5., 20 Uhr, Mi 21.5., 19 Uhr, Super Premium Soft Double Vanilla Rich HAU2, Mi 28., Do 29.5., 20 Uhr, Karten-Tel.: 259 004 27

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