Theater

Toshiki Okada über sein neues Stück im Hau

TOSHIKO_OKADAtip: Was bedeutet der rätselhafte Titel Ihres neuen Stückes „Das Leben der Riesenschildkröten in Schallgeschwindigkeit“, das Sie und Ihre Tokioer Compagnie chelfitsch jetzt im HAU zeigen?

Toshiki Okada:?Riesenschildkröten sind typische Wesen für die Galapagos-Inseln, sie leben in einem geschlossenen ökologischen System. In Japan spricht man in den letzten Jahren oft vom „Galapagos-Syndrom“, von der „Galapagosierung“. Ähnlich wie das geschlossene ökologische System auf den Inseln ist die Gesellschaft Japans abgeschlossen. Ursprünglich bezog sich der Begriff auf in Japan hergestellte Elektrogeräte, die so speziellen Standards entsprechen, dass sie nur auf dem japanischen Markt Erfolg haben. Diese Galapagosierung Japans führt zu einer besonderen Kultur und Mode, sowohl im positiven als auch negativen Sinne. Daher könnten man statt „Riesenschildkröten“ im Titel des Stückes auch „wir Japaner“ sagen. Die Schallgeschwindigkeit kann man mit der berühmten japanischen Legende von Urashima Taro in Verbindung bringen. Urashima rettete eine Schildkröte vor Kindern, die sie quälten. Am nächsten Tag besuchte ihn eine Riesenschildkröte, die sich bei ihm bedankte. Sie ließ den Mann auf ihren Rücken klettern und nahm ihn mit in ihr Paradies im Meer. Urashima unterhielt sich blendend, aber als er zurückkam, musste er feststellen, dass in der Zwischenzeit Jahrhunderte vergangen waren. Außerdem bin ich fasziniert von der Rockband Sonic Youth. „Sonic Life“ ist eine Parodie davon und bedeutet: Es ist nicht nur die Jugendlichkeit, die schnell vergeht, sondern das ganze Leben vergeht blitzschnell. Ich denke, dass dies dem realen Lebensgefühl der Japaner heute entspricht.

tip: Ihre Figuren scheinen wie im Stillstand permanent autistisch um sich selbst zu kreisen, etwa die Frau, die immer wieder sagt: „Ich mag Tokio sehr gern“, oder der Mann, der sich vorstellt, für den Rest seines Lebens U-Bahn zu fahren. Was bringt sie zu diesem Leerlauf?

Okada: Mir ist klar, dass ich nie fiktive Figuren wie die von Beckett schaffen werde. In meinen Stücken kommen Figuren vor, die mit einiger Wahrscheinlichkeit so oder so ähnlich auch im realen Leben existieren könnten. Das ist in diesem Stück auch so. Daher kann ich nur sagen, dass die Ursachen in der japanischen Gesellschaft liegen, wenn sich die Figuren wie im Leerlauf oder im Autismus zu bewegen scheinen. Man könnte sagen, dass ich immer das Alltagsleben abbilde. Hier ist es das Hauptthema. Gleichzeitig ist das das fantastischste meiner Stücke und ich glaube, das ergibt sich genau aus diesen Alltagsthemen, obwohl das wie ein Widerspruch klingt.

OKADAtip: Jemand wirft den Figuren auf der Bühne vor: „Ihr habt überhaupt kein richtiges Leben.“ Was für ein Leben haben die Figuren in Ihrem Stück? Und: Ähnelt es dem Leben vieler Japaner?

Okada: Die Gesellschaft Japans hat eine stickige Luft. Das empfinden die meisten Japaner so. Genauso wie die Figuren des Stückes. Aber sie haben keine andere Wahl und akzeptieren es, in dieser Gesellschaft zu leben.  

tip: Trügt der Eindruck, dass Ihre Figuren unter Depressionen leiden?

Okada: Spontan würde ich sofort sagen, dass Ihr Eindruck trügt. Aber vielleicht sind sie tatsächlich depressiv, wie Sie sagen. Das würde bedeuten, dass viele Japaner depressiv sind. Wie ich vorhin erwähnt habe, ich glaube, dass alle meine Figuren auch in unserer realen Gesellschaft zu finden sind.

tip: Schon Ihre letzten Stücke, „Air Conditioner“ und „Farewell Speech“, hatten eine sehr minimalistische, nüchterne Ästhetik. Treiben Sie diesen Prozess der Reduktion in Ihrem neuen Stück noch weiter?

Okada: Ich glaube, ich werde mich nun vom Minimalismus trennen. Schon im neuen Stück „Riesenschildkröten“ habe ich es dezent versucht. Ich glaube aber nicht, dass die Zuschauer davon etwas merken. Kritiker nannten meine früheren Stücke „kubistisch“. Wenn sie wirklich kubistisch sind, was könnte dann der nächste Schritt sein? Ich dachte, dass das Robert Rauschenbergs Combine Paintings sein könnten. Dieser nächste Schritt läge darin, nicht nur ein Stück um verschiedene Blickpunkte herum zu bauen, sondern verschiedene Materialien miteinander zu verbinden. Wenn die Performer nicht alle eine Beziehung mit dem Publikum eingehen, sondern ganz bewusst ganz anders an ihre Aufgabe herangingen, wäre die Materialität jedes Darstellers unterschiedlich und ein Stück wie die Combine Paintings wäre möglich. Im September hatte in Tokio mein neues Stück Premiere. Es war eine Zusammenarbeit mit einem Tänzer. Hier habe ich bewusst verschiedene Elemente aufgehäuft. In diese Richtung weiter zu arbeiten, reizt mich.

tip: Hat die Katastrophe von Fukushima Ihre Theaterarbeit verändert? Verändert sie Ihr Leben?

Okada: Es ist noch nicht genug Zeit vergangen, um sagen zu können, wie meine Theaterarbeit sich dadurch verändert. So viel Stücke habe ich seitdem nicht gemacht. Ich bin aber sicher, dass sie sich verändert. Was mein Leben angeht, kann ich ganz klar sagen, dass Fukushima es verändert hat. Bis dahin hatte ich im Großraum Tokio gewohnt. Im Sommer bin ich mit meiner Familie nach Kyushu in den Westen Japans, also weit weg von Fukushima, umgezogen.

tip: Können Sie beschreiben, wie sich die japanische Gesellschaft nach Fukushima verändert hat?

Okada: Man weiß nichts und wird auch nie informiert. Niemand weiß, welche Haltung jetzt die richtige ist. Mit diesen Tatsachen sind viele Japaner konfrontiert. Und jeder versucht entweder, sich zu informieren oder ärgert sich oder gibt auf. Es ist in dieser Situation ausgeschlossen, keine Stellung einzunehmen. Denn auch nicht zu reagieren, ist eine klare Stellungnahme. Alle mussten reagieren. Ich habe verschiedene Reaktionen gesehen, die mir zuwider sind. Ich denke, dass Japan lange nicht in einer derartig offenkundigen Krise war. Seit Langem galt Japan nominell als gesellschaftlich homogen. Jetzt sind hier und dort Kampagnen zu sehen, die propagieren, dass Japan jetzt eins werden muss. Nach meiner Meinung ist die japanische Gesellschaft so gespalten wie noch nie. Gerade darin sehe ich eine große Chance. Nach so vielen Opfern müssen wir die positive Möglichkeit, die die Spaltung der Gesellschaft bringt, optimal nutzen.

Interview: Peter Laudenbach, Übersetzung: Makiko Yamaguchi   

Foto Tohiski Okada: Nobutaka Sato; Szenenfoto: Kikuko Usuyama, Feb 1 2011 / KANAGAWA ARTS THEATRE 

Das Leben der Riesenschildkröten in Schallgeschwindigkeit HAU 2, 13.–15.10., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

ÜBER TOSHIKI OKADA

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