Theater

In Transit Festival 2009 im Haus der Kulturen

Sankal JukuDie fünf weiß bemalten Körper wirken wie Insekten ohne Alter, Geschlecht, Gewicht oder Ge­schwin­digkeit. Sie ergehen sich in Ritualen und erzeugen dabei ein so radikales Pathos, dass Bilder von erlesener Schönheit entstehen, die immer wieder umkippen in die Verletzlichkeit, das Zerbrechliche, das Chaos des Lebens. Sankai Jukus Butoh-Stück „Hi­biki hat seine eigene Poesie. Schwarze Münder stehen sperrangelweit offen, mitten auf der großen schwarzen Bühne. Die fünf mit Gips geweißelten Tänzer wanken um eine flache Schale aus Glas. Stumm sind sie, ihre kahlen Köpfe sind weit zurückgeworfen. In der Schale vor ihnen scheint Blut zu schwimmen, so rot wie die Schnüre ihres weißen Korsetts. Sie wirken, als stünden hier nicht Menschen wie zu einem Gebet versammelt, sondern fünf Statuen, die von Pfeilen getroffen gerade ihre letzten Tropfen Blut verlieren. Tanzen diese Statuen? Sind diese weißen Objekte echte Männer? Das waren schon 1975 die Fragen, als die Formation Sankai Juku aus Tokio erstmals in Paris auftrat. Seither gelten Sankai Juku als prominente Vertreter der japanischen Kunst des Butoh-Tanzes. Der 60-jährige, noch heute mittanzende Ushio Amagatsu scharte damals seine Mannen um sich, um im Namen des Butoh eine wundersame Esoterik zu verkünden. Zum Interview stets die Marlboro im Mund, raunt er noch immer gern, dass „man das Wesen des Lichts nie wirklich erfassen kann, wenn man die schwärzeste Nacht nicht erlebt hat“. Oder: „Meine Zuschauer sollen uns nicht nur mit ihren Augen sehen, sondern mit ihrem ganzen Wesen.“ Oder: „In unserem Körper lebt die Erinnerung an die Evolution fort: Die Fische, die wir einst waren, sind noch in uns.“

Aitana_Cordero_Three_DuetsButoh ist unter all den asiatischen Segnungen die jüngste und die philosophischste Tanzform. Sie sucht keine Harmonie des Körpers mit der Seele, sondern eine Verbindung mit der grausamen Natur. Der Mensch im Kosmos, das meinen auch größere Butoh-Meis­ter wie der heute 102 Jahre alte Kazuo Ohno, sei eben nur ein Objekt der Naturgewalt. Um dieses Objektsein vor der Gewalt der Natur geht es auch Sankai Juku in „Hibiki“. Mit diesem Stück eröffnen Sankai Juku das Festival In Transit im Haus der Kulturen der Welt. Es ist erstaunlicherweise ihr erster Auftritt in Berlin überhaupt.
Vom Leben der Objekte handelt das gesamte Festival. Andrй Lepecki, der New Yorker Kurator, rief dazu in diesem Jahr Fred Moten in den Zeugenstand, einen Afroamerikaner, der wunderbar darüber reden kann, wie alles, was fremd ist, uns den Mund vor Schreck sperrangelweit offen stehen lässt. Nach dem Schrecken ist die nächste Reaktion, das schreck­lich Fremde zu einem Objekt zu erklären und ihm die Seele abzusprechen. Sollte es uns dann noch fremd bleiben, muss es wohl eine Art Ungeziefer sein. Millionen Juden, Schwarze, Indianer haben diesen Dreisprung aus inszeniertem Schrecken, Objektwerdung und Vorwurf der Nutzlosigkeit nicht überlebt. Aus Menschen werden so selbst periphere, an den Rand gedrängte Objekte. Soweit die Theorie.

black_whiteWeniger theorielastig ist das Gastspiel der berühmten argentinischen Theatergruppe El Perifйrico de Objetos: Ein schreck­licher Spaß und ein Theater, das schon seit über 20 Jahren den Aufstand der Objekte und der Puppen probt. Ihr „Manifest der Kinder“ erlaubt einen Blick in die wahre Brutalität hinter den Kulissen der Kasperlebühne. Man schaut durch ein Fenster in die Innenwelt eines Kindes und sieht dort den grausamen Kampf mit den Objekten der Begierde. Diese Objekte leben. In der Wohnstube von Nelisiwe Xaba aus Südafrika sieht es auch eher grausig aus. In ihrem Stück „Black! … White?“ träumt die arme Frau wie viele Schwarze davon, weiß zu werden. Sie könnte mit einer chemischen Keule nachhelfen, einem Hautaufheller. Auch die Haut ist nur ein Objekt. Aber das würde nur zu neuen Ängsten, Zwangsvorstellungen, zur Per­sönlichkeits­spaltung führen. Nelisiwe Xaba träumt darum von einer richtigen Mutation. In einem Trickfilm auf der Bühne verwandelt sich per Flügelschlag ein Insekt in einen Mann. Aus einem Erdhaufen entsteht eine Frau. Was immer sie träumt – indem sie die Welt selbst zum Objekt erklärt und diese zeichnet und knetet, entflieht sie all den allzu festen Zuschreibungen, unter denen sie leidet. Nelisiwe Xaba macht dabei aus den beiden Nichtfarben im Titel ein wunderbar buntes Stück.

GustaviaÄhnlich großartig ist die Kunst der französischen Choreografin Mathilde Monnier und die der ebenso berühmten spanischen Performerin La Ribot. Mathilde Monnier hat Popgrößen und Schulkindermassen choreografiert und den Witz dabei ebenso kultiviert wie La Ribot, in Berlin bekannt geworden mit ersteigerbaren kleinen Performances. Auch sie kann, wenn sie will, hinreißende Lachsalven auslösen. Jetzt kommt ihrer beider „Gustavia“ daher als eine gespaltene Person, halb Mann, halb Frau, in Form der Burlesque. Burlesque, sagen die beiden, sei „eine Kunst, Unfähigkeit in Kompetenz zu verwandeln, die es erlaubt, zwischen burlesquen Helden und militanten Helden zu unterscheiden. Die Burlesque des Körpers versteckt sich in grundloser Verausgabung, in der Wiederholung und in Unfällen“. Man ahnt es, das Unperfekte im Umgang mit den Objekten ist ansteckend. Das klassische Holzbrett der Komiker, von La Ribot ge­schul­tert, streckt ein ums andere Mal Mathilde Monnier zu Boden, so vorhersehbar, dass es durch endloses Wiederholen immer lustiger wird. Die Mechanik aus Kopfnuss und Wiederauferstehung beschleunigt sich: So wird aus dem Menschen ein Objekt. Wie erotisch das ist, sieht man auch: Der Schenkel wird entblößt, immer wieder, so oft, dass die Erotik ebenso verschwindet wie das Objekt der Begierde.

Text: Arnd Wesemann
Fotos: Sankaj Junku, Marc Coudrais, Theo van Loon, Nadine Hutton

In Transit
im Haus der Kulturen der Welt
Do 11. bis So 21.6.

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