Theater

„In-Transit“ im Haus der Kulturen der Welt

InTransitEs sind undefinierbare Objekte. Weiße Rollen, die von Anstreichern stammen könnten, aber durch dünne Streben gehalten werden, phallisch aufragende Säulen, schlanke, zu Zahlen geformte Bögen – kalkweiß, prothesenrosa, gallegrün. ‚Adaptives’ nennt der österreichische Künstler Franz West sie, ‚Passstücke‘. Die beweglichen, nicht zuzuordnenden Objekte aus Gips, Pappmachee oder Metall sollen wie Prothesen oder Gewächse an den Körper angelegt werden und, laut Franz West, Neurosen verdeutlichen. So Ähnliches passiert tatsächlich, wenn sich der bulgarische Performer Ivo Dimchev daran abarbeitet. Dimchev berührt, besteigt und ramponiert seine Passstücke mit einer Intensität, als förderten sie seine dunkelsten Seiten zutage. Einen gewissen Schock-Nimbus genießt Dimchev, seit er vor zehn Jahren als völlig Unbekannter in einer erschütternden Fleisch- und Blut-Performance durch den Staub der Bukarester Straßen kroch, seine Mutter um einen Beischlaf anflehte und selbst hartgesottene rumänische Straßenkinder verängstigte. Über die Jahre hat er seine radikale Performance-Kunst verfeinert, aber nichts von seiner Präsenz verloren. Jetzt, ein Jahrzehnt später, ist er im Kunstbetrieb und bei IN TRANSIT angekommen.

Unter dem Motto „Spectator“ thematisiert das diesjährige Festival im Haus der Kulturen der Welt den Blick des Zuschauers: Was sieht man (nicht), weil man es (nicht) weiß, in welchem (Macht-)Verhältnis steht der Zuschauer als Einzelner und soziale Gruppe zum Performer, was macht der Blick mit dem Angeschauten? Theorie-lastige Fragen, allesamt zu überprüfen an (Gott sei Dank) überaus präsenten Performern. Etwa an Ming Wong aus Singapur, der nicht nur mit Geschlechterzuschreibungen, sondern auch dem Beobachtetwerden durch das Publikum spielt. Oder an der Amerikanerin Ann Liv Young, die erst vor Kurzem Berliner Zuschauer mit privaten Fragen bis zur Selbstentblößung attackierte und mit ihrer „Mermaid“-Show wieder Grenzen und Konventionen der Performance-Kunst sprengen wird. Etwas erleben – auch mit sich selbst erleben – wird man bei IN TRANSIT auf jeden Fall.

Text: Elisabeth Nehring

Foto: Jason Tong

In Transit Festival – „Spectator“ Haus der Kulturen der Welt, 15.–18.06.

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