Theater

Trostloses Paradies beim Tropen-Festival

Foto_von_Macras_ParaisoBrasilianer lieben den Körper. Sie geben den letzten Real aus, um ihrer Schönheit zu huldigen, mit Tanz und Sport. Wenn das nichts hilft, gibt es diverse Doktoren, die ihre schnittfertige Kunst an der Nase, der Brust, dem Po ansetzen. Aber selbst Ärzten huldigt man in Sгo Paulo nur halb so viel wie einer Frau mit kugelrundem Bauch. Ihr wird sofort das Taxi überlassen. Im überfüllten Restaurant findet sie immer einen Tisch. Am Flughafen muss sie keine Minute in der Warteschlange stehen. „Schwanger sein“, sagt Constanza Macras, „ist in Sгo Paulo das Paradies“.


Constanza Macras
: die Berliner Choreografin argentinischer Abstammung, weltläufig, frech, witzig, an der Schaubühne wie im HAU zu Hause, oft und gern zwischen New York und Bombay unterwegs. Sie trug ihren künftigen Sohn ins Paradies von Sгo Paulo, grob 20 Millionen Einwohner, berühmt für die Reichen, die per Hubschrauber von Hochhausdach zu Hochhausdach flattern. Dieser Moloch machte zuletzt Schlagzeilen, als Sгo Paulo den Kampf gegen die „visuelle Umweltverschmutzung“ aufnahm. In der ganzen Stadt gibt es heute nicht ein einziges Reklameschild mehr, keine Werbetafel, nicht mal ein geschwungenes „M“ überm Hamburgerstand. Sгo Paulo ist wirklich ein Paradies. „Paraнso“ heißt das auf Brasilianisch. Im gleichnamigen Stadtteil von Sгo Paulo, sagt Constanza Macras, gibt es mehr Schlangen, Läuse und Parasiten als sonstwo. Paraнso ist ein Armenviertel. Von dort fährt die hochmoderne U-Bahn nach Зonsoloçгo.

„Trost“ heißt dieser Ort auf Deutsch, der mit etwas Fantasie an Grunewald erinnert. Trostloses Paradies nennt Constanza Macras ihr neues Stück.Den Titel kann man wörtlich nehmen: „Paradies ohne Trost“. Will heißen, dass in Sгo Paulo reichlich Schlangen und Läuse unterwegs sind: Express-Kidnapper, gewöhnliche Straßenräuber, Dealer. Sie liegen im ständigen Kampf mit der Polizei. Die weiß selbst nicht immer genau, auf welcher Seite sie gerade steht. Was ihr der Paulista nicht mal übel nimmt. Man gönnt den Sheriffs die Ausfälle gegen Straßenkinder und Obdachlose, ihren kaum zu übersehenden Sadismus, solang sie nur genügend Hab und Gut schützen. „An Paranoia herrscht hier kein Mangel“, sagt Constanza Macras. Jeder in Sгo Paulo kann ein Lied davon singen, von Überfällen, dem Raub schon eines Arbeitslosenausweises, mit dem man billiger ins Schwimmbad kommt. Und von Polizisten, die denjenigen verhaften, der am wenigsten Schmiergeld parat hat.
Foto_von_Macras_ParaisoWeil also jeder Paulista davon ein Lied singt, stellt Constanza Macras vierzehn Tänzer und Musiker von dort auf die Bühne, mit Serge Gainsbourg auf den Lippen, voll Sehnsucht nach Europa, die ebenso brasilianische Realität ist wie der Baile-Funk, der den Rapper Edu K reich machte: große gestiefelte Frauen in fast keinen Jeans, die obszön tanzen. Edu K wird in Berlin im HAU gastieren, auch bei Constanza Macras fehlt dieser Tanz nicht: HipHop aus den Favelas am Rand der Autobahn, wo die Ärmsten die Leitplanke als Rückwand ihres Wohnzimmers gebrauchen, um ihre Hütte zu stabilisieren.
Constanza Macras’ Stück entstand in einem Theater mit 1200 Plätzen, Swimmingpool und Bibliothek. SESC heißt die Organisation, die solche Theater betreibt, als wären sie Clubs. Man kann Mitglied werden und zusehen, wie eine starke Hand Geld aus kommerziellen Gewinnen in die Kultur pumpt – eine Art Dussmannscher Friedensschluss der Bürger mit dem Staat. Nun bekommt auch Berlin ein Quentchen vom Paradies ab.

Den vollständigen Artikel im Tip 19/08

Text: Arnd Wesemann

BILDERGALERIE mit Fotos von Macra Paraiso

Trostloses Paradies HAU 1,
Stresemannstraße 29, Kreuzberg,
Sa 13. bis Mo 15.9., 19.30 Uhr

Tropen-Festival
im HAU, So 9.-Fr 21.9.

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