Theater

„Tristan und Isolde“ in der Deutschen Oper

TristianUndIsoldeBekanntlich war Richard Wagner davon überzeugt, dass seine Oper „Tristan und Isolde“ das Potential hätte, die Leute verrückt zu machen. Vor einem riskanten Schopenhauer-Novalis-Todesnacht-Trip, als den man „Tristan“ ja durchaus ansehen kann, muss man in Graham Vicks Inszenierung an der Deutschen Oper aber keine Angst haben. Es herrscht eine gemächlich ironische Haltung. Regietheater im 1970er-Stil. Das Bühnenbild (Paul Brown) zeigt eine Art Ferienbungalow, in dem lethargische Büroangestellte auf ihre letzten Nächte warten. Im Hintergrund ein pseudosa­kraler Raum mit Betenden und wandelnden Toten. Tristan sitzt auf einem Sofa und schaut auf ein Papierschiffchen, das auf einem Sarg liegt. Dieser Tristan ist von Anfang an tot. Und Isolde  recht zickig. Auch das große Liebesduett im zweiten Akt, „der heftigste coitus interruptus in der ganzen Geschichte der Kunst“ (Slavoj Zizek), findet auf dem häuslichen Sofa statt. Peter Seiffert als Tristan und Petra Maria Schnitzer als Isolde haben wie ein vertrautes Ehepaar alles im Griff, und im dritten Akt wird der Bungalow zum Altersheim. Tristan und Isolde sind zu bis zum letzten Augenblick liebenden Pensionären zurechtgeschminkt. Kalk rieselt symbolisch von der Decke in den sakralen Raum. Zum einen natürlich ein naheliegendes Spiegelbild des aktuellen Regietheaters, zum anderen eine pragmatische Normalisierung des Todestrips. Der Vorteil der entschärften Tristan-Trance: Wenn man sich mit dem Altersheim nicht weiter beschäftigen möchte, kann man die Augen zumachen und eine unter der musikalischen Leitung des neuen Generalmusikdirektors der Deutschen Oper Donald Runnicles ausgezeichnete, nachdenklich sachlich gestimmte „Tristan“-Musik genießen.

Text: Andreas Hahn

Foto: Matthias Horn

tip-Bewertung: Sehenswert

Tristan und Isolde
Deutsche Oper, So 3.4. 16.00 Uhr

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