Theater

„Trompe l’amour“ an der Volksbühne

Das hätte ein lustiger Abend werden können. Martin Wuttke, breiteren Kreisen als schluffiger Leipziger „Tatort“-Kommissar Keppler bekannt, wollte an der Volksbühne Balzacs Jacques Collin spielen, den Herrscher der Pariser Unterwelt, ein Genie des Verbrechens. In „Glanz und Elend der Kurtisanen“ wechselt „dieser Koloss an Verschlagenheit und Verderbtheit“ die Seiten, der dämonische Kriminelle wird zum nicht weniger zynischen Polizeichef. Wuttke als amoralisch schillernder Collin, sozusagen als „Tatort“-Kommissar auf Abwegen im Paris des 19. Jahrhunderts, das hätte was werden können. Dafür hätte man sogar in Kauf genommen, dass Wuttke den Abend unter dem neckischen Titel „Trompe l’amour“ selbst inszeniert hat. Schließlich besteht der Kern von Wuttkes gelegentlichen Regie-Versuchen in der Regel aus Wuttke-Solos, der Rest ist Ornament. Hier bleibt es beim Ornament.

Am Vorabend der Premiere entschied sich Wuttke, die Rolle an sein Proben-Double Jean Chaize abzugeben. Nun ist Chaize ein an Coolness und gut abgehangenem Charme schwer zu übertreffender Franzose, aber nicht einmal er ist in der Lage, eine Wuttke-Inszenierung ohne Wuttke zu retten. Die Stilmittel sind die des Castorf-Theaters: Eine beeindruckende Damen-Riege (Jasna Fritzi Bauer, Jeanne Balibar, Britta Hammelstein) stöckelt auf High Heels im Edel-Nutten-Look durch die Boudoirs und das Innere der großen Kutsche, die dekorativ auf der weitgehend leeren Bühne steht. Hysterie und Lethargie halten sich ebenso im Gleichgewicht wie Geldgier auf der einen und Notgeilheit auf der anderen Seite. Wenn es nicht weiter geht, also ziemlich oft, werden die Gesichter halt in Großaufnahme auf Leinwände übertragen. Notfalls sorgt die Drehbühne dafür, dass der Leerlauf nach Bewegung aussieht.

Der Abend greift mit volksbühnenüblicher Unverbindlichkeit einige lose herumliegende Motive und Figuren aus Balzacs „Glanz und Elend der Kurtisanen“ auf. Hendrik Arnst führt als Bankier Nucingen die ganze Komik des hoffnungslos dem jungen Damenfleisch hinterhersabbernden Mannes jenseits der besten Jahre vor. Je verzweifelter er mit seinen Geldbündeln um sich wirft, desto spöttischer klingt das Gelächter der von ihm ausgehaltenen Esther. Kein Wunder, dass Nucingen, der offenbar zu viel Baudrillard gelesen hat, in einem schwachen Moment seufzt: „Begehren, Wert und Simulakrum, das sei „das Dreieck, das uns beherrscht“. Der Mann hat kein Glück mit Dreiecken. Jeanne Balibar schenkt ihrer Esther Pariser Eleganz, wenn sie haucht, sie sei „für die unmögliche Liebe geboren“. Als das nichts hilft, vergiftet sie sich höchst anmutig. Balzac-Leser wissen, dass das nicht nötig gewesen wäre, schließlich hätte Esther ein Vermögen geerbt – eine der vielen bösen Ironien des Schicksals, das in Balzacs Welt mehr oder weniger mit dem Geld identisch ist. Aber auch wenn Britta Hammelstein am Ende noch ein furioses Solo hinlegt, können alle Simulakren nicht über die Pleite dieser Veranstaltung hinwegtäuschen.    

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Uninteressant

Trompe l’amour
Volksbühne, Mi 21.5., 20 Uhr,
Karten-Tel. 24 06 57 77

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