Theater

Festival Fressen oder Fliegen im HAU Berlin

Stairlift von Christoph Schlingensief
Am ersten November regnet es im HAU 1. Sonst passiert nichts. Es treten keine Schauspieler auf, es wird keine Geschichte erzählt, alles, was man sieht, ist Regen, mehr oder weniger endlos und in Schwarzweiß auf einer großen Leinwand. Der Regen ist nicht echt, Thomas Demand hat ihn in einem Trickfilmstudio mit Zello­phankügelchen simulieren und abfilmen lassen. Wer länger hinsieht und dabei langsam in Trance kommt, merkt irgendwann, dass der Regen im Bühnenraum genauso künstlich und hergestellt ist wie die Gefühle eines Schauspielers auf der Bühne. „Ich fand daran diese großartige Verschwendung toll“, sagt HAU-Chef Matthias Lilienthal. „Ein großes, leeres Theater, in dem ein Regen-Film läuft, sonst nichts.“

Man kann dabei vor sich hinträumen. Man kann sich fragen, was das soll. Man kann einschlafen, was ja gerade die besten Theaterkritiker im Theater besonders gerne und ausgiebig tun. Und wer zu viel Kant gelesen hat, kann beim Anblick des künstlichen Regens anfangen, über das Kunstschöne und das Naturschöne nachzudenken. Thomas Demand kommt nicht vom Theater, er ist bildender Künstler und wurde vor allem mit seinen detailgetreuen Pappe-Nachbauten realer Orte bekannt, die er dann pseudodokumentarisch abfilmte – auch das ein Nachdenken über die Grenzverläufe zwischen Simulation, Künstlichkeit und Realität, also etwas genuin Thea­trales.The Winters Tale von Katarzyna Kozyra

Dass Thomas Demands Regen-Film jetzt im Theater ausgestellt wird wie eine große Installation in einer Galerie, ist nur konsequent und nur eines von vielen Beispielen der Annäherung und Konvergenten zwischen Theater und bildender Kunst. Das HAU widmet diesen Wechselbeziehungen in der ersten November-Hälfte ein großes Festival: Art into Theatre – Theatre into Art. Und weil das HAU bestens vernetzt ist, ist das Programm ziemlich hochkarätig. Jeff Koons und Olafur Eliasson nehmen an einem Marathon-In­terview-Programm teil, Christoph Schlingensief zeigt seine Installation „The African Twintowers„, Harun Farocki ist mit einer Film-Installation präsent, Tim Etchells tritt auf und Rimini Protokoll zeigen eines ihrer Stücke, die das Theater nicht inszenieren, sondern in der Wirklichkeit der gesellschaftlichen Kommunikation entdecken. „Ich finde im Augenblick die Szene der bildenden Künstler in der Stadt extrem aufregend“, sagt Festival-Kurator und HAU-Chef Matthias Lilienthal zu den Gründen, sich mit dem Festival auf fremdem Terrain zu bewegen. „Und ich fand es für uns gut, wenn wir uns mit anderen Menschen konfrontieren und mit einer anderen Logik. Die Logik in der bildenden Kunst ist einfach völlig anders als die Logik im Theater.“
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Mit der Produktion und Dekonstruktion von Wirklichkeitsabbildungen beschäftigen sich auch Harun Farocki und Antje Ehmann in ihrer Installation „Fressen oder Fliegen. Filme zerlegt und neu zusammengestellt“, auf acht Screens. „Das erzählt eigentlich, wie im Kino Schuss und Gegenschuss entstanden ist, eine Theorie und Geschichte des Kinos aus dem Film-Schnitt“, sagt Farocki-Fan Mat­thias Lilien­thal. „Und es geht um Kino und Krieg, der Schuss der Kamera und der Schuss der Waffe. Die große Qualität von Farocki ist, dass er Vorgänge auseinandernimmt und versucht, ihr Funktionieren zu zeigen, das scheinbar Selbstverständliche in eine Bewusstheit zu rücken. In dieser Arbeit interessiert er sich für den Gründungsmoment des Kinos. Wenn man diesen beschreibt, erzählt man etwas über eine mediale Gesellschaft.“ Und weil er Farocki so bewundert („einer der ganz großen Künstler in dieser Stadt“), hat Lilienthal sich von Fa­rockis Arbeit auch gleich den Titel des Festivals geliehen: Fressen oder Fliegen.

Kalleinen Foto von Anna Petters
Zwei andere Film-Installationen zeigt die junge Israelin Keren Cytter, „die wirkt wie ein Späthippie-Huhn von Ende zwanzig“ (Lilienthal, gewohnt charmant). Cytters Installation „Guilthouse – or the great fall of the Cartier family“ bezieht sich auf einen realen Fall: Eine französische Familie aus dem Mittelstand hatte mit 20 Kreditkarten einen Schuldenberg von über 250.000 Euro aufgehäuft. Auf dem Höhepunkt der Verschuldung haben die Eltern versucht, sich und ihre drei Kinder mit Insulin umzubringen. Das kleinste Kind ist gestorben, die anderen haben überlebt. Im HAU 3 baut Keren Cytter die Wohnung dieser Familie Cartier nach, es gibt Videos, Spuren des Suizids und des Überkonsums, und eine Reinigungsfrau, die saugt. Alle zehn Minuten können zwei Zuschauer rein, sie werden Bestandteil dieser Szenerie. „Keren Cytter hat eine wahnsinnige Genauigkeit, diese Bürgerwelten neu zu erfinden“, schwärmt Lilienthal. In einer anderen Cytter-Arbeit, die das Fes­tival zeigt („Der Spiegel“), probt sie die Revolte gegen diese Bürgerwelt. Sie hat in einer leeren Berliner Altbauwohnung Videos gedreht, „eigentlich geht es um die Befreiung einer Frau. Viele Schauspielerinnen in dieser Wohnung sind na­ckt, es geht in den Texten um Revolution, sexuelle Un­ter­drü­ck­ung, Befreiung, eine Sinnvernichtungsmaschine aus Fass­binders Fantasie-Repertoire“, berichtet Lilienthal.

Ein anderes Muss, zumindest für den Autor dieser Zeilen, ist Christoph Schlingensiefs Instal­lation „African Twin Towers„: Man wird in einem Behinderten-Lifter vor einer weißen Leinwand hochgefahren und ist dann, einige Meter über dem Boden schwebend, Teil von Schlingensiefs Afrika-Film, der eigene Körper wird zur Projektionsfläche. Vor der Leinwand schaut man in einen kleinen Kasten, in dem ein anderer Film aus Schlingensiefs Kopfkino zu sehen ist: Afrika, isländische Geis­ter, die brennenden Twin Towers, Fakes und Bilder aus dem Animatografen. Und wenn einem nach dem Festival, nach Installationen und Vorträgen von Diedrich Diederichsen, Douglas Gordon und Tim Etchells und nachdem Thomas Meinecke, Melissa Logan und Peaches ihre Lieblingsplatten aufgelegt haben, wenn einem also nach der Party der Kopf schwirrt, geht man am besten auf die nächs­te Party, nämlich zu „The Show must go on“ von Jй­rфme Bel, einem großartigen, lustigen, den Pop feiernden, absolut gute Laune machenden Tanzstück.


Text
: Peter Laudenbach

Den vollständigen Text finden Sie in tip 23/08

Fressen oder Fliegen bis 16.11.,

HAU 1
, HAU 2, HAU 3, Programm siehe Tageskalender

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