Theater

Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn

UeberDasKonzeptDesAngesichtsBeiGottesSohn_c_KlausLefebvreChristlich-fundamentalistische Gruppierungen haben ein neues  Schlagwort entdeckt: die „Christianophobie“. Gemeint ist der vermeintliche Hass auf das Christentum, gegen den die selbst ernannten Diskriminierungsopfer bislang meist auf Homepages protestieren. Letzten Oktober traten sie überraschend live in Erscheinung: mit einem großen Transparent auf der Bühne eines Pariser Theaters, mit dem junge, rechtsextreme Katholiken die Aufführung von Romeo Castelluccis „Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn“ störten, Tränengas versprühten und Stinkbomben warfen.

Dass die medienwirksamen Proteste Castelluccis Tourplan folgen – die Aufführungen in Paris, Toulouse, Antwerpen oder Mailand konnten nur unter Polizeischutz stattfinden – deutet auf ein absurdes Missverständnis hin. Das spektakuläre Bildertheater übersetzt christliche Ikonografie in zeitgenössisches Theater. In Castelluccis Inszenierung vollzieht sich vor einem überdimensionalen Jesus-Porträt ein zutiefst menschliches Scheitern auf der Bühne. Wie geht man praktisch mit den Eltern um (und dem vierten Gebot, nach dem man sie ehren soll), wenn sie alt werden, dement und ihre Windeln vollmachen? Ein Sohn pflegt seinen Vater bis zur Erschöpfung. Würde Gott ins Theater gehen, säße er dort in der ersten Reihe, allen Bühnenexkrementen zum Trotz und voll Empathie mit den Menschen, die sich ihre Vergänglichkeit vor Augen führen und sich befragen, wie man diese Hilflosigkeit und den (Selbst-)Ekel in Würde ertragen kann.

Davon unberührt hat der Vatikan sich mittlerweile auf die Seite der rechtsradikalen Fundamentalisten gestellt. „Die Proteste sind auch eine Chance, sich über Positionen zu unterhalten, Kämpfe zu führen“, kommentiert HAU-Chef Matthias Lilienthal den Konflikt. Der kleine, frierende Chor in Hamburg, der im Januar vor dem Thalia-Theater gegen das Gastspiel des „blasphemischen“ Regisseurs Rodrigo Garcнa anbetete, konnte einem fast leid tun: „Christoph Schlingensief hätten die Leute vor dem Theater wahrscheinlich sogar besser als die Theateraufführung gefallen“, grinst Lilienthal.     

Text: Anja Quickert
Foto: Klaus Lefebvre

Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn
5. + 6.3., 20 Uhr,
HAU 1,
Karten-Tel. 25 90 04 27      

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