Theater

„Über Leben“ im Deutschen Theater

UeberLebenJudith Herzbergs Trilogie „Über Leben“, die Stephan Kimmig jetzt am Deutschen Theater inszeniert hat, kommt sehr beiläufig und lakonisch daher. Der erste Teil: eine Hochzeit, bei der die Eltern und verflossene Liebschaften des Brautpaars Lea (Susanne Wolff) und Nico (Daniel Hoevels) aufeinandertreffen, miteinander flirten, miteinander streiten. Ein unaufgeregtes, etwas gereiztes Parlando, in dem ab und zu alte Wunden aufgerissen werden. Eine seltsame Familie: Lea hat zwei Mütter, eine echte (Almut Zilcher) und eine andere, die sie im Krieg aufgezogen hat, ihre Kriegsmutter (toll: Christine Schorn). Und Nicos Vater (Markwart Müller-Elmau) hat zwei Frauen, eine tote und eine zweite Frau (Simone von Zglinicki), der er ständig vorwirft, dass seine erste Frau ermordet wurde. Weil sie alle schon so lange mit ihrer Vergangenheit leben, sind ihre Schrecken selbstverständlich geworden. Beiläufig, leise und unausweichlich brechen sie immer wieder in den Alltag ein. Leas Eltern sind Juden, sie haben den Krieg in einem Konzentrationslager überlebt. Lea hat nur überlebt, weil ihre holländische Kriegsmutter sie versteckt und aufgezogen hat. Seit Leas Eltern zurückgekommen sind, leidet ihre Kriegsmutter darunter, dass sie das angenommene Kind den Eltern zurückgeben musste. Nicos Mutter kam in einem Lager um, genau wie die Eltern von Dory, Nicos erster Frau. Und so weiter.

Herzberg erzählt sehr genau, unsentimental und teilweise erstaunlich und befreiend komisch vom Weiterleben nach monströsen Schrecken. Und weil Kimmig die gesamte Trilogie in viereinhalb Stunden erzählt, begleiten wir diese komplizierte Familie über eine lange Strecke, über gut zwei Jahrzehnte ab 1972. Das entwickelt, gerade in der episodenhaften Erzählweise, einen gewissen Sog. Das Problem der redlichen Inszenierung ist, dass Kimmig keine rechte Form für den gewaltigen, von Herzberg so nüchtern und unpathetisch ausgebreiteten Stoff findet: etwas zu bedeutungsschweres Rumsteh-Theater in einem abstrakten Raum.

Text: Peter Laudenbach

tip-Bewertung: Annehmbar 

Über Leben Deutsches Theater, 17. u. 25.4., 18 Uhr, Karten-Tel. 284 41 225

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