Theater

Uferstudios für zeitgenössischen Tanz

Der Weg zu den Uferhallen, dem neuen Domizil des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz, ist nicht eben unkompliziert. Irgendwo zwischen den Falafel- und Billigbuden der Badstrasse und den Automatenkasinos auf der Reinickendorfer Straße versteckt sich im tiefsten Wedding die romantisch-verwilderte Panke. Hat man die gefunden, muss man nur noch lange genug in der richtigen Richtung über altes Kopfsteinpflaster holpern und steht vor dem Gelände der ehemaligen BVG-Hauptwerkstätten. Wo einst kaputte Busse und Bahnen zur Reparatur einfuhren, haben sich seit einigen Jahren bildende Künstler mit ihren Studios angesiedelt; die 3?000 Quadratmeter große Zentralwerkstatt auf einem Teil des Geländes wird für Ausstellungen und Kunstprojekte genutzt.

Auf der anderen Seite entstehen gerade die „Uferstudios für zeitgenössischen Tanz“, laut Selbstbeschreibung ein „internationales Forum für Diskurs und Tanzprojekte“ und zukünftige Heimat des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz Berlin (HZT), dieser komplizierten, schwer erklärbaren Konstruktion, die dafür sorgen soll, dass in Berlin zeitgenössischer Tanz und Choreographie hochschulreif unterrichtet werden kann. Bis 2006 gab es das, trotz der Fülle an zeitgenössischen Tänzern und Choreographen aller Couleur und Niveaus in der Hauptstadt, nur beim Diplomstudiengang Choreographie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Der aber nahm in der Regel nur acht Studenten auf – zu wenig für eine Tanzszene von der Dimension, wie sie in Berlin existiert.

Die Gelegenheit für eine größere Ausbildungsstätte kam 2005. Damals wurde von der Kulturstiftung des Bundes der „Tanzplan Deutschland“ eingerichtet; der hielt für jene Städte, die selbst finanzielle Mittel für Großprojekte des zeitgenössischen Tanzes aufbringen wollten, eine Menge Geld bereit. In Berlin witterte die freie Szene, die sich unter dem Label „Tanzraum Berlin Netzwerk“ organisiert, ihre Chance und wagte etwas sehr Mutiges: die Zusammenarbeit mit zwei Berliner Hochschulen, der Universität der Künste (UDK) und der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch (HfS). Das Ziel: der Aufbau einer Hochschulausbildung für zeitgenössischen Tanz und Choreographie.
2006 startete das Pilotprojekt und die Bandbreite der beteiligten Institutionen und Individuen war beeindruckend: neben der sogenannten freien Szene in Form des Netzwerks TanzRaumBerlin, der UDK und der HfS auch der Berliner Senat sowie Tanzplan Deutschland. Alles – Inhalte, äußere Strukturen, Kooperationen unterschiedlichster Partner, Abstimmung der Curricula, selbst der Ort für das Hochschulübergreifende Zentrum Tanz – wollte erst gefunden, erfunden, erforscht und verhandelt werden.

Das war wahrlich eine Reise ins Ungewisse mit offenem Ausgang. Man braucht nur wenig Fantasie, um sich Gespräche und Verhandlungen, die dieses dreijährige Pilotprojekt begleiteten, als schwieriges Tankermanöver auf bewegter See vorzustellen. Natürlich gab es viel Kritik, Konkurrenz und Auseinandersetzungen über richtige Inhalte, Herangehensweisen und Strukturen; allein, dass unter dem Dach des HZT inzwischen drei Studiengänge residieren, nötigt Respekt vor den Verantwortlichen ab.
Unter der Leitung eines dreiköpfigen Direktoriums (Eva Maria Hoers­ter, Ingo Reulecke, Nik Haffner) beheimatet das HZT einen Bachelorstudiengang „Zeitgenössischer Tanz, Kontext, Choreographie“, den Masterstudiengang „Solo/ Dance/ Authorship“ sowie den Master „Choreographie“. Im letzten Jahr wurde das HZT in die Hochschulverträge aufgenommen – die Pilotphase ist überstanden, jetzt kann man sich institutionalisieren.

Wenn die Uferstudios ab Oktober fertiggestellt sind, hat man auch ein richtiges Zuhause. Von den insgesamt 14 Studios, die derzeit in den expressionistischen Backsteinbauten der 20er  und 30er Jahre im Wedding eingerichtet werden, sind fortan fünf für die Studierenden des HZT reserviert. Es ist ein guter Ort für junge Menschen, die (tanz-)technische oder handwerkliche Fähigkeiten erlernen und eigene künstlerische Positionen entwickeln wollen. Da ist zum einen das erkennbar Ursprüngliche des Ortes selbst: Die Studios sind keine sterilen Vierecke, die Neutralität vorgaukeln, wo Geschichte ist, sondern mit ihren alten Fliesen innen und Backsteinen außen voll von Zeichen der Zeit sind. Zum anderen ist die Nähe zu professionellen Künstlern, seien es Choreographen, bildende Künster, Theaterleute oder Musiker, die in den umliegenden Studios arbeiten, für Studierende als konkrete Anschauung Gold wert. Immerhin soll es in den drei Studiengängen vorrangig darum gehen, Theorie und Praxis, Diskurs und künstlerisches Schaffen, Schöpfung und Reflexion miteinander zu verbinden. Die Absolventen der Pilotstudiengänge zeigen auf jeden Fall, dass man sich hinterher in verschiedenen Feldern beschäftigen kann: als Tänzer bei mehr oder weniger großen Kompanien, als Kuratoren kleiner Festivalformate oder als Choreographen mit eigenem Projektbudget.
Aus der ganz großen Perspektive klingt das vielleicht immer noch ein bisschen nach Nischendasein. Aber es ist eine lebendige Bewegung, die sich manchmal etwas sperrig gibt, aber auch viel Kreatives hervorbringt und ermöglicht. Und ohne genau diese Mischung wäre eine Stadt wie Berlin nicht wirklich die, die sie jetzt ist. 

Text: Elisabeth Nehring
Fotos: David Berg

Weitere Infos
www.uferhallen.de
www.uferstudios.com
www.tanzraumberlin.de
www.udk-berlin.de/tanz

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