Theater

Ulrich Tukur: Der Entertainer im Tipi

UlrichTukur_und_die_RhythmusBoysAls im vergangenen Sommer der Regisseur Peter Zadek im italienischen Lucca begraben wurde, spielte Ulrich Tukur ihm zum Abschied zwei Liedchen auf dem Akkordeon. Es waren die beiden Lieder, die er Zadek vor 26 Jahren in München vorgetragen hatte. Die Lieder, die ihm zur Rolle des schillernden Sturmbandführers Kittel in Zadeks Inszenierung „Ghetto“ verhalfen – dem Auftakt von Tukurs Theaterkarriere. „Kannst du noch mehr?“, hatte Zadek damals beim Vorsprechen gefragt – und Tukur hatte mit „Nein“ geantwortet. Obwohl er bereits in Heidelberg auf der Bühne stand und davor an der Staatlichen Hochschule in Stuttgart ganz ordentlich ein Schauspielstudium absolviert hatte. Aber bis dahin war man überall der Ansicht gewesen, dass der Junge ja ganz nett auf seinem Akkordeon zu spielen verstehe, aber als Schauspieler bestenfalls mäßig begabt sei. Eben bis Peter Zadek kam und ihn „auf den Topf setzte“, wie Tukur selber über diese Zeit sagt. Zadek verlangte Unmögliches von ihm, über alle Erschöpfungsgrenzen hinaus, und schob ihn so in die richtige Richtung.

Seitdem ist Ulrich Tukur Schauspieler. So jedenfalls erzählt er es selber gern. Dabei hatte der inzwischen 52-Jährige vor seiner Begegnung mit Zadek bereits in zwei für seine Karriere nicht ganz unwesentlichen Filmen mitgespielt, in Michael Verhoevens „Die weiße Rose“ und Percy Adlons „Die Schaukel“. Aber die Geschichte mit Zadek und dem Akkordeon, die dürfte Tukur vermutlich deswegen so lieben, weil sie auf den Punkt bringt, wie er selbst sich sieht.
Klar, er ist Schauspieler, einer der besten und erfolgreichsten in Deutschland. Fünf Filme gingen allein im vergangenen Jahr an den Start, in denen Tukur die Hauptrolle oder eine tragende Nebenrolle spielte. Darunter Michael Hanekes „Das weiße Band“ und Florian Gallenbergers »John Rabe«, für das Tukur unter anderem mit dem Deutschen und dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Auch Tatort-Kommissar wird er demnächst werden. Aber an erster Stelle in seinem Herzen, da lässt Tukur keinen Zweifel aufkommen, stand schon immer die Musik.

Im Tipi kann man jetzt den nach Eigenauskunft „Hochstapler“ und „Selbstdarsteller“ wieder bei seinem liebsten Hobby erleben: „Ein unmöglicher Abend“ heißt das Programm, das er und die Rhythmus Boys zu Gehör bringen werden. Sicher, sie werden dabei das eine oder andere neue Liedchen spielen. Manche davon wird Tukur, inspiriert nicht mehr nur von den Schellackplatten, selbst komponiert haben. Aber auch wenn neue, andere Geschichten dazu gekommen sind, irgendwie wird es so sein wie immer. Seit 1995 gibt es die Rhythmus Boys, drei CD’s haben sie seitdem gemeinsam aufgenommen. Seit 1977 aber schon macht Ulrich Tukur solche Musik. »Ich bin doch fast der Älteste im nostalgischen Segment!«, sagt er zuweilen selbstironisch, aber auch stolz.
Er wird ganz sicher auch wieder eines der Ringel-Shirts oder einen der alten Anzüge tragen mit denen er auch auf Pressekonferenzen und in Talkshows erscheint. Mit gegeltem Haar, nein, keine Pomade, sondern französischem Gel, das zwar nicht gut riechen, dafür aber besonders gut die Haare bändigen soll. Er wird Witze machen, etwa über seine Konfession, »römisch-alkoholisch«. Aber nein, der ist ihm bestimmt schon zu abgestanden. Denn das ist das merkwürdige an Ulrich Tukur: Obwohl manches an ihm so eigentlich altmodisch und auf der Stelle zu treten scheint – wem sonst traut man in seinem Alter glaubhaft diese Ringel-Shirts zu? Das hat natürlich mit Intelligenz zu tun und mit Wachheit. Aber Ulrich Tukur ist vermutlich auch der deutsche Schauspieler, der sich am wenigsten um sein Image sorgt. Und diese Souveränität, die verdankt er seiner Musik.

Tukur leistet sich dort den Luxus, einfach beim Alten, beim gewissermaßen Gleichen zu bleiben. Keinem Image, keiner Mode zu folgen. Und also Lieder zu singen, wie »Musik hat mich verliebt gemacht« oder »Du gehst durch all meine Träume« oder »Am Steinhuder Meer«. Natürlich immer wieder mit einer wunderbar ironisch kommentierenden Zweitstimme, durch die all das Schmelzen und Schmachten erst richtig Spaß machen. Damals, als Tukur damit begann, war das Akkordeon eher verachtet. Ein Symbol für Spießertum schlechthin. Aber für Tukur war es schon damals etwas anderes, ein Vagabundeninstrument, das zu den Wanderkünstlern gehört. Zum Zirkus, zu den Auswanderern, die ihre Klaviere nicht mitnehmen konnten.
Als Ulrich Tukur noch als mäßig begabter Schauspielstudent in Stuttgart galt, hat er selbst gern die Stunden geschwänzt, die ihm sowieso zu „therapeutisc“ waren und mit Straßentheater ein wenig Geld verdient. Den Entertainer gibt er bis heute liebend gern. Natürlich ist er auch darin grandios. Umwerfend die Rede bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises im letzten Jahr, die er zum Entzücken der Feuilletons auf Chinesisch hielt. Ab und zu verstand man einen Namen, etwa Mao Tse Tung und dann „Flolian Gallenbelger“. Und natürlich fragte man sich, wo da wohl der Zusammenhang war. So furios, wie Tukur sprach, schien es jedenfalls ein sehr interessanter gewesen zu sein.

Zur Zeit dreht Ulrich Tukur in Belgien. Zu erreichen ist er nicht. Dabei, so seufzt die Pressefrau des Tipi, reiche er ihr für seine Musikabende nun schon seit Jahren die immer gleichen Presseinformationen ein. Nur der Titel der Abende natürlich und die Songs, die sie spielen, die ändern sich. Um den Rest müssen sich die „vier schäbig gekleideten Tanzmusiker mit überschrittenem Verfallsdatum“ keine Sorgen machen. Die Zuschauer kommen sowieso.     

Text: Michaela Schlagenwerth
Fotos: Manfred W. Juergens, Barbara Muerdter, Christine Schröder

Termine: Ein unmöglicher Abend (Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys) ab 29.6.
im Tipi

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