Theater

Ultraschall Festival 2009 in Berlin

Georg KatzerUm den Fall der Mauer in Kunst zu verwandeln, machte der Komponist Georg Katzer keine großen Umstände: Die originalen Geräusche vom Zerlegen des „antifaschistischen Schutzwalls“ stellte er ans Ende seines 1990 uraufgeführten Werks „Mein 1989„. Ein durchaus doppeldeutiges Signal, das mit seiner akus­tischen Brutalität für ein einschneidendes Befreiungserlebnis steht, jedoch auch als Vorahnung der Rück­sichtslosigkeit verstanden werden kann, mit der in den Folgejahren auch etliche Institutionen der ostdeutschen Kultur­szene beseitigt wurden. „Die gesamte Neue Musik der DDR wurde abgewickelt“, resümiert der 73-Jährige die Nachwendejahre, „auch wenn es natürlich kein Zurück geben kann – die Hoffnungen, die ich als Künstler und Komponist in die Wende gesetzt habe, sind enttäuscht worden.“ Die tonangebenden Komponisten der letzten beiden DDR-Jahrzehnte wie Friedrich Goldmann, Schenker und er selbst würden heute fast nur noch in Konzerten der Off-Szene gespielt, bei den öffentlichkeitswirksamen Aufträgen der Festivals und Sinfo­nieorchester tauchen keine ostdeutschen Namen mehr auf.

Geriet die – immerhin erstaunlich rege – Komponistenszene der DDR einfach deshalb in Vergessenheit, weil sie im internationalen Maßstab doch zu bedeutungslos war, oder gelang es Georg Katzer, Paul Dessau, Rainer Bredemayer und ihren Kollegen vielleicht doch, die Hoffnungen und Frustrationen im Arbeiter- und Bauernstaat in Töne zu fassen? Eine Frage, die das Ultraschall-Fes­tival für zeitgenössische Musik in seiner zehnten Folge zumindest ansatzweise beantworten könnte: Aus Anlass des 20. Jahrestages des Mauerfalls bietet das Deutsches Symphonieorchester BerlinNeue-Musik-Festival des Deutschlandradios und des rbb-Kulturradios in einem DDR-Schwerpunkt einen repräsentativen Quer­schnitt der Werke, die seit den 60er Jahren in der DDR entstanden sind. Ausgehend von Katzers 1991 entstandener „Landschaft mit steigender Flut„, die den Auftakt des Eröffnungskonzerts im Radialsys­tem bildet, setzt sich in den Konzerten bis zum 1. Februar mosaikartig ein Bild zusammen, das die Begrenzungen, aber auch die Möglichkeiten kompositorischer Entfaltung in der DDR abbildet. Ein Sys­tem, in dem auch ein freischaffender Komponist wie Katzer Erfolg haben konnte und sogar gefördert wurde, der mit Werken wie seinem 1965 entstandenen ers­ten Streichquartett unter dem Verdacht westlichen Avantgardeeinflusses stand.

Auf etwa 20 bis 30 Künstler schätzt Katzer den „harten Kern“ ernsthafter Komponisten zeitgenössischer Musik in Ostdeutschland, der sich seit den 60er Jahren vor allem im Gefolge der Komponisten-Heroen Hanns Eisler und Paul Dessau gebildet hatte – eine Szene, die die Einflüsse der polnischen Musikszene von Lutoslawski und Penderecki ebenso in sich aufsog und verarbeitete wie Zwölfton- und elektroakustische Musik. Neben der historischen Aufarbeitung versucht das Festival jedoch auch die Nachwirkungen zu untersuchen: Schon der Eröffnungsabend stellt den beiden Wendewerken Katzers mit dem 1967 geborenen Carsten Hennig und dem Berliner Helmut Oehring zwei Komponisten gegenüber, deren Biografien durch die DDR ebenso geprägt sind wie durch die Erfahrung der beiden Nachwendejahrzehnte. Ein neues Werk Oehrings ist zugleich die zentrale Uraufführung des Festivals: Am 27. wird es in einem Gemeinschaftskonzert des Ensembles Nikel aus Tel Aviv und des Berliner Ensembles Mosaik im Radial­sys­tem vorgestellt. „How fragile we are“ lautet sein Titel. Und das ist 20 Jahre nach der Wende sicher kein verkehrtes Fazit.


Text
: Jörg Königsdorf

Fotos
: Konzerthaus Berlin, Jens Passoth

Ultraschall-Festival
Veranstaltungstermine
Radialsystem V u.a.,
Fr 23.1. bis So 1.2.,
Infos: www.dradio.de/dkultur/

oder Tel. 20 29 87 15


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