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„Unerträglich lange Umarmungen“ in den DT-Kammerspielen

Monika hatte gerade eine Abtreibung. Ihr Mann Charlie betrügt sie mit Emmy, seiner Ex, die anschließend im besten veganen Restaurant New Yorks den Hipster-Touristen Krystof kennenlernt. Monika löst ihre Eheprobleme, indem sie von Sex auf Heroin umsteigt, warum auch nicht. Emmy macht ihre neue Bekanntschaft Krystof mit ausgiebigem Oralverkehr gücklich, Krystof freut sich („Das ist New York!“). Emmy versucht trotzdem, sich umzubringen, irgendwann ist ja sowieso Schluss, dann lieber gleich. Charlie fliegt nach Berlin und macht, was erlebnis­orientierte Touristen in Berlin halt so machen. Er kokst sich die restlichen Gehirnzellen weg, bevor ihn eine Straßengang krankenhausreif prügelt.
In Iwan Wyrypajews Stück „Unerträglich lange Umarmungen“, dessen Uraufführung Andrea Moses jetzt ohne größere Umstände in den Kammerspielen des Deutschen Theaters inszeniert hat, ist jede Menge los. Für interna­tionales Flair sorgen nicht nur die klischee­freudig angedeuteten Handlungs­orte New York und Berlin, sondern auch die behauptete Herkunft der Figuren. Monika (Julia Nachtmann) kommt aus Polen, Emmy (Franziska Machens, mit Pelzmütze und Tattoos als abenteuerlustige Person charakterisiert) aus Ex-Jugoslawien und der etwas dümmliche Krys­tof (Daniel Hoevels mit nos­talgischer Langhaarprücke) aus Prag. Nur Charlie, der bedauernswerte Tölpel (Moritz Grove), muss sich damit begnügen, einfach nur ein ganz normaler Ami zu sein. Der Clash zwischen dem alten Osteuropa und New York macht die Pappkameraden­figuren zwar auch nicht konturen­schärfer oder auch nur interessanter, aber irgendwo muss man ja herkommen.
Weil es sich um ein modernes Theaterstück handelt, bevorzugen die vier Bühnenfiguren eine Umgangssprache, in der die gerne eingeflochtene Bekräftigungsformel „verfickt noch mal“ zu den höflicheren Formulierungen zählt. Am liebsten reden sie in der dritten Person von sich. Das ist offenbar ein künstlerisch ganz besonders wertvolles Stilmittel.
Aber weil verfickt noch mal ein bisschen Analsex hier, ein bisschen Heroin da auf Dauer auch nicht abendfüllend sind, zumindest nicht am Deutschen Theater, muss noch Tiefsinn und eine Prise metaphysische Obdachlosigkeit her. Schließlich weiß Iwan Wyrypajew, derzeit einer der erfolgreichsten russischen Gegenwartsdramatiker, was der westliche Markt von russischen Literaten erwartet: echte slawische Tiefe! Oder zumindest Kritik an der ach so oberflächlichen westlichen Dekadenz. Also müssen die armen Drogenfreunde mit der losen Sexualmoral die „Plastikwelt“ New Yorks beklagen. Damit auch jeder merkt, dass das nicht nur so dahergesagt ist, hat Bühnenbildnerin Rebecca Ringst den Bühnenkasten großzügig mit Plastikplanen ausgeschlagen.
Schwer zu sagen, ob es am Plastik, an den Drogen oder am berühmten russischen Hang zu vernebelter Mystik liegt, jedenfalls werden die Figuren von lustigen Halluzinationen geplagt. Sie unterhalten sich angeregt mit ihrem inneren Delfin, sie sehen dauernd blaues Licht oder fühlen sich am wohlsten, wenn sie in einer roten Blume verschwinden dürfen wie im Nirwana. Ein poetischer Höhepunkt ist erreicht, wenn die bedauernswerte Emmy aus ihrem Inneren oder von Outer Space eine Stimme vernimmt, die frohe Botschaft für sie hat: „Ich bin einfach das Universum, ich will dich umarmen!“ Na dann, viel Spaß.   


Text:
Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

Adresse und Termine: DT Kammerspiele, ?Karten-Tel. 28 44 12 21

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