Theater

„Ungeduld des Herzens“ in der Schaubühne

Ungeduld des Herzens

Simon McBurney ist als Schauspieler und Regisseur ein Star des internationalen Theaterbetriebs. Seine Compagnie Complicite tourt seit drei Jahrzehnten weltweit mit ihren bildstarken Produktionen. Leider konnte McBurneys in auftrumpfende Effekte verliebte Inszenierung an der Schaubühne seinem glänzenden Ruf kaum gerecht werden. Ein penetranter Soundteppich und eine Videowand im Hintergrund unterlegen die Handlung mit Atmo-Brei, als würde der Regisseur weder den Schauspielern noch dem Assoziationsvermögen des Publikums trauen. Bedeutungsschwer ruft ein Käuzchen, der Vollmond scheint vom Videoscreen, die Aufwallungen des Gefühls werden mit lautstarkem Herzklopfen aus dem Off angedeutet. Besonders dramatische Passagen erkennt man zuverlässig daran, dass auf der Videowand Glas in Großaufnahme zersplittert. Zumindest übertriebene Subtilität kann man McBurneys plakativen Illustrationskünsten nicht vorwerfen.
Simon McBurney hat sich einen etwas abgelegten Stoff aus dem alten Europa ausgesucht. Stefan Zweigs Roman „Ungeduld des Herzens“ spielt vor Ausbruch des ersten Weltkrieges in der österreichisch-ungarischen Bourgeoisie. Geschrieben hat ihn Zweig 1938 mit dem ganzen Heimweh nach dieser versunkenen Habsburger-Welt der großbürgerlichen Salons, verschlafenen Garnisonsstädten in der Provinz und liebevoll beobachteten Verwirrungen des Herzens. Christoph Gawenda gibt den sich an diese lang vergangene Geschichte erinnernden Erzähler im altmodischen Dreiteiler. Hinter ihm ist, symbolschweres Vorzeichen kommender Verhängnisse, in einer Vitrine die Kopie der blutbeschmierten Uniform ausgestellt, in der der Thronfolger Franz Ferdinand im Juni 1914 in Sarajevo erschossen wurde. Wie kostbare, sorgsam von der Außenwelt und einer nervösen Gegenwart geschützte Museumsstücke wirken auch die Schauspieler, die eher erzählend als spielend das Figurentableau aus Zweigs Roman reanimieren. Die querschnittsgelähmte Tochter (Marie Burchard) eines Großindustriellen (Johannes Flaschberg) verliebt sich in einen jungen Leutnant (Lorenz Laufenberg). Der lässt sich, halb aus Höflichkeit, halb aus Unreife auf diesen Flirt ein, ohne ihn weiter ernst zu nehmen. Am Beispiel seines durchaus eitlen Mitgefühls spielt Zweig ein Moral-Dilemma durch: Das sentimentale Mitleid, Zweig nennt es eine „instinkive Abwehr des fremden Leids“, hat katastrophale Folgen für die Kranke. Aus Verzweiflung über die nicht erwiderte Liebe, bringt sie sich um. Im Kontrast dazu steht das pragmatische Mitgefühl des Arztes, dem es nicht um ein wohliges Selbstbild, sondern um Hilfe für die Kranke geht.
Als würde er ahnen, dass das vielleicht doch zu banal ist, greift McBurney zum Bedeutungsverstärker: Am Ende ist nicht nur die unglückliche Kranke tot und der Leutnant im Unglück, am Ende wird auch endlich Franz Ferdinand erschossen, der erste Weltkrieg bricht aus. Wie ein Ausrufe-Zeichen setzt McBurney eine schnelle Abfolge historischer Fotos ans Ende seiner ansonsten gänzlich apolitischen Inszenierung: Erster Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, Hitler, zweiter Weltkrieg, Atombombe, 11. September. Und damit auch jeder begreift, dass das verhandelte Mitleidsdilemma nicht nur Großbürger vom Beginn des vergangenen Jahrhunderts angeht, benutzt der Plakat-Künstler McBurney als letztes Bild, das lange stehen bleibt, das Foto eines überfüllten Flüchtlingsbootes auf dem Mittelmeer – als würde dadurch seine beschauliche Aufführung bedeutsam und politisch brisant.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Gianmarco Bresadola

Ungeduld des Herzens, Schaubühne Karten-Tel.: 890023

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