Festival

„United Backgrounds“ im Maxim Gorki Theater

Die neue Welt-(Un-)Ordnung: Mit dem Festival „United Backgrounds“ ruft das Maxim Gorki Theater zur Verteidigung von Demokratie und Pluralismus auf

Foto: Bakırköy Belediye Tiyatrosu

Eine australische Kommunistin mit DDR-Faszination, radikale junge Frauen zwischen Kampfsport und Machtanalyse, Volkes Wille in der Türkei, in Ägypten und im Referendums-Mutterland Schweiz – all dies sind Elemente des Festivals „United Backgrounds“ mit dem das Maxim Gorki Theater über die Demokratie nachdenkt. Denn die „Herrschaft des Volkes“ ist derzeit vielerorts in Gefahr. In der Türkei werden demokratische Prinzipien wie Presse- und Meinungsfreiheit und Unabhängigkeit der Justiz mal eben aufgekündigt, und autokratische Regierungen wie in Ungarn und Polen hebeln mitten in Europa Freiheitsrechte aus.

Eigentlich wollte Gorki-Intendantin Shermin Langhoff mit dem Festival ganz forsch „Reclaim Democracy“ ausrufen. Angesichts der jüngsten politischen Entwicklungen –Putsch und Verhaftungswelle in der Türkei, Ernüchterung und politisches Rollback nach dem Arabischen Frühlung und rechtsnationale Volksermächtigungen von Ungarn über Frankreich und die Niederlande bis nach Deutschland – erschien selbst ihr das zu forsch.  So ist „United Backgrounds“ in erster Linie eine Bestandsaufnahme.„Zwischen der gerade gelaufenen Wahl zum Abgeordnetenhaus und der anstehenden Bundestagswahl im nächsten Jahr wollen wir aus der postsozialistischen Perspektive des in der DDR gegründeten Maxim Gorki Theaters schauen, wie der Demokratie überhaupt noch zu helfen ist“, sagt Langhoff. Vor allem geht es dabei um die Kernfrage der Demokratie: die Mitbestimmung. „Was haben wir an Konzepten, um Pluralismus zu organisieren?“, fragt die Intendantin.

So blickt die argentinische Theaterfrau Lola Arias mit „Atlas des Kommunismus“ (8.–10., 14.-16.10.) zurück auf das am Ende recht kläglich gescheiterte sozialistische Beteiligungsexperiment. Unter den Zeitzeugen zwischen 8 und 84 Jahren ist Salomea Genin. In Australien aufgewachsen ist Genin als glühende Kommunistin in den 60er-Jahren in die DDR gekommen. Sie erzählt davon, wie sie sich erst als IM der Stasi in West-Berlin „bewährte“, dann in der DDR weiter spitzelte und ihr erst in den späten 80er-Jahren klar wurde, dass sie nicht an der Freiheit mitbaute, sondern an einem Polizeistaat. Ein Extra-Kapitel Stasi-Aufarbeitung liefert Rimini Protokoll mit dem Audio Walk „50 Aktenkilometer“ zu Ereignisorten der Überwachung mitten in der Stadt (8., 10.–15., 17., 19.–22.10.). Ein kämpferischer Blick nach vorn kommt von der schweizer Regisseurin Suna Gürler in „Stören“ (19., 21., 23.10.). Thema ist, wie sich frau heutzutage aus sozialen, ökonomischen und sexuellen Machtverhältnissen befreien kann. Zum Arsenal der Praktiken gehören Kampfsport, Politikwissenschaft und Hacking. Während des ganzen Festivals mischt sich die Performance-Gruppe Talking Straight als eine Art künstlerische Security Agency unter das Publikum.

Eine Menge Themen und unterschiedliche Perspektiven darauf versammelt das Festival – alles getragen von der Hoffnung, dass Theater noch etwas ausrichten kann in der Welt. An jede Vorstellung schließen sich Künstlergespräche an, in denen über die von den Produktionen aufgezeigten Probleme debattiert werden soll. Der Sinn des Festivals besteht schließlich auch in der Entwicklung von Beteiligungsmodellen.

Maxim Gorki Theater Sa 8.–So 23.10., Eintritt 10–34, erm. 9 €

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