Theater

„Unschuld“ im Deutsches Theater

UnschuldDas Theater müsse sich den „großen Fragen“ stellen, zitiert das Programmheft zu Michael Thalheimers Inszenierung von Dea Lohers Stück „Unschuld“ am Deutschen Theater die Dramatikerin im Programmheft: „Gewalt, Schuld, Verrat, Freiheit.“ Wer wollte diesem so ehrgeizigen wie unabweisbaren Programm widersprechen. Um ihm gerecht zu werden, lässt Dea Loher in 19 vage miteinander verknüpften Szenen ihre Figuren, lauter etwas verloren durch das Leben stolpernde Zeitgenossen, zu Gott- und Sinnsuchern werden, die bei Gelegenheit auch schwer bedeutsame Sätze am Rande es unfreiwilligen Kalauers von sich geben: „Das ganze Leben ist ein einziges Warten auf den Tod“, räsoniert etwa ein Totengräber (leicht, fein, melancholisch: Sven Lehmann) mit der Urne im Arm, die die Überreste einer Selbstmörderin enthält.

Überhaupt wird sich in diesen Szenen gerne umgebracht, nach Gott gefragt oder gleich der Sinn des Lebens bezweifelt. Als wollte sie eine theoretische Erklärung für die etwas ziellos-zerfaserte Dramaturgie des Stückes liefern, kommt eine zunehmend durchdrehende Philosophin (mit Vergnügen an der gekonnten Gender-Schmiere: Ingo Hülsmann) zum Schluss, dass sie nicht mehr „an das Wir, an das Uns, an das große Ganze“ glauben könne. Weil sie damit an diesem Abend nicht die Einzige ist, bleiben lauter Existenz-Monaden übrig, geplagt von transzendentaler Obdachlosigkeit, die in zufälligen Begegnungen aneinander vorbeitreiben. Wie die Ärztin (Kathleen Morgeneyer), die bei einer Party einen jungen Mann kennenlernt, der sie prompt das Übliche fragt, also ob sie an den Sinn des Lebens glaube. Als sie ihn trotzdem mit in ihre Wohnung im 13. Stock nimmt, stürzt er sich umstandslos aus dem Fenster. Wie Morgeneyer das in einem trockenen Monolog unverkitscht und nüchtern erzählt, macht aus der etwas flachen Vorlage eine dichte Szene.

Dea Lohers Figuren mögen Monaden sein, die bedeutungsschwer unter der Abwesenheit beruhigender Heilsversprechungen leiden, aber auch diese Monaden suchen nach Liebe wie die blinde Striptease-Tänzerin (Katrin Wichmann) oder der afrikanische Migrant Fadoul (verschwitzt: Peter Moltzen). Das klingt so trivial, wie es ist. Rührend auch, wie die Macht des Schicksals in Form einer Plastiktüte im Müll zuschlägt, in der der arme Fadoul genau 200?089 Euro findet, mit denen er prompt der blinden Tänzerin eine Augenoperation bezahlt. Woraufhin er sich dann bedauerlicherweise für Gott hält. Das müssen sie sein, die großen Fragen in der deutschen Gegenwartsdramatik.

UnschuldEs ist nicht unbedingt das stärkste Stück, das sich Michael Thalheimer für seinen ersten Versuch, ein Werk der neuen deutschen Dramatik zu inszenieren, ausgesucht hat. Das unglückliche Händchen bei der Stückwahl gleicht er allerdings durch die straffe, kraftvolle Erzählung seiner Inszenierung aus. Wirken Lohers Figuren gelegentlich ein wenig papieren und klischeenah ausgedacht, bekommen sie in Thalheimers Regie Konturen und Profil, wobei er die Figuren bei aller Stilisierung und dem deutlichen Desinteresse am weichgespülten Einfühlungstheater stets ernst nimmt. Olaf Altmann hat wieder eine seiner wuchtigen Bühnen gebaut: ein steiler, spitz zulaufender, sich langsam drehender Kegel, auf dem die Figuren ausgesetzt sind wie unter einem leeren Himmel. Am liebsten spielen sie frontal zum Publikum und vermeiden es, gefühlig im Sentiment zu baden.

Exrem unverschnörkelt, dass es eine Freude ist, garantiert kitschfrei und von schönster aggressiver, staubtrockener Komik ist vor allem, wie Barbara Schnitzler eine schlecht gelaunte Zuckerkranke spielt, die aus dieser schlechten Laune eine tolle Vitalität zieht und eigentlich nur noch einen Wunsch hat, den sie, falls irgendjemand ihn noch nicht vernommen haben sollte, auch gerne wiederholt: „Wenn ich ein Tankwart wäre und ein Streichholz hätte …“ Rumms!  

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Zwiespältig

Unschuld Deutsches Theater, So 23.10., Sa 5., Mo 14., Mo 28.11., 20 Uhr, Karten-Tel. 284 41-221

INTERVIEW MIT MICHAEL THALHEIMER

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