• Kultur
  • Theater
  • „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ in den DT Kammerspielen

Lehrstück

„Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ in den DT Kammerspielen

Explosion des Zimmers und der Zeit: Jürgen Kuttner spricht über seine Inszenierung des großen Brecht-Fragments – und warum ihm ein Arzt an der Volksbühne womöglich Adrenalin spritzt

Foto: Thomas Aurin
Foto: Thomas Aurin

tip Tom Kühnel und Sie inszenieren am Deutschen Theater ein rätselhaftes, selten gespieltes Brecht-Fragment: „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“. In dem Stück desertieren Soldaten im Ersten Weltkrieg. Was fasziniert Sie an diesem merkwürdigen, eigentlich unspielbaren Fragment?
Jürgen Kuttner Heiner Müller hält das immerhin für den größten dramatischen Text des 20. Jahrhunderts. Brecht hat versucht, etwas zwischen Lehrstück und Schaustück zu machen. Das sind große Texte, mit einer Wucht fast wie in einer antiken Tragödie und in einer eigenen Versstruktur. Es ist kein abgeschlossenes Stück, sondern 400 Seiten Material, die wir im Brecht-Archiv gelesen haben. Wir versuchen, in diese Fragmentstruktur reinzugehen, statt einen Plot, eine klare Handlung zu erzählen. Die Ränder fransen aus; die Figuren sind etwas unbestimmt und wechseln zum Teil im Lauf des Stücks den Namen, aus „Koch“ wird „Keuner“. Dieser frühe Brecht erinnert auch an den späten Heiner Müller – klare dramatische Strukturen lösen sich auf, Regieanweisungen sind poetische Texte, die man gerne hören und sprechen möchte. Die beste Version dieses Textes ist wahrscheinlich das Hörstück, das Heiner Müller in der Endphase der DDR daraus gemacht hat – eine zentrale Figur, den Koch, sprach damals Frank Castorf.

tip Und wie gehen Sie mit diesem undurchdringlichen Text-Gebirge um?
Jürgen Kuttner Wir nehmen ernst, dass es auch ein Lehrstück ist, also ein Stück, das sich nicht unbedingt ausschließlich an ein Publikum richtet, das nur zusehen will. Die Zuschauer sitzen auf der Bühne und sind eingeladen, Chortexte mitzusprechen oder mit einzelnen Texten gegen die Schauspieler zu agieren. Das ist jetzt wahrscheinlich keine gute Werbung. Bei uns ist das, anders als bei Heiner Müller, nicht hermetisch gegen die Gegenwart und die Außenwelt abgedichtet, im Gegenteil.

tip Was meinen Sie mit Lehrstück?
Jürgen Kuttner Das ist bei Brecht eigentlich Theater für eine künftige Gesellschaft. Es gibt in der Schule zwei Orte, an denen man lernt: das Klassenzimmer, wo einem der Lehrer etwas erzählt, und der Schulhof, wo man lernt, wie man Frauen rumkriegt, wie man raucht. Und wo man den ganzen Quatsch durch Machen und Mitmachen lernt. Das ist das Lernen des Lehrstücks. Das ist natürlich bei Brecht eine utopische Vorstellung vom Theater und heute vielleicht auch schwer zu vermitteln, aber gerade das reizt uns daran.

tip Jenseits der Form – was geschieht in diesem Stück über Menschen, die sich dem Krieg verweigern?
Jürgen Kuttner Der lebensgierige, rücksichtslos egoistische Fatzer will seinen Lebensanspruch brutal durchsetzen. Das ist natürlich auch eine Baal-Figur, nur ohne das Künstlertum und den romantischen Überschuss eines Baal. Der Erste Weltkrieg mit seinen Schrecken, von denen wir keine Vorstellung mehr haben, ist viel mehr als Zeitkolorit-Hintergrund. Das ist der Zivilisationsbruch, nach dem man eigentlich an keine Art von Ordnung mehr glauben kann. Die andere große Erschütterung ist die russische Revolution. Fatzers Gegenpol ist die Gruppe um Koch, in dem sich Brechts Beschäftigung mit Marx spiegelt – eine Art Leninist, der die Gruppe der Deserteure organisieren will. Fatzer sind diese Vorstellungen von Solidarität und Zusammenhalt völlig fremd. Er vertraut nur seiner eigenen Lebensgier. Natürlich klingt das erstmal krude und etwas fremd. Aber genau diese Fremdheit ist ja interessant. Die Sprache ist ungeheuer. Der Text kommentiert sich immer wieder selbst, als würde er sich selbst zerstören: „Explosion des Zimmers und der Zeit, das ganze, da ja unmöglich, einfach zerschmeißen zur Selbstverständigung“. Auf diesen 400 Blättern findet man ausgearbeitete Szenen, auf anderen stehen nur einzelne Worte oder Zeitungausschnitte. Dieses Material hat in seiner Disparität etwas seltsam Modernes. Plötzlich schiebt sich, wie 80 Jahre später bei Pollesch, ein Theorie-Text in die Figurenrede.

tip Sie haben im November noch eine zweite Premiere, oder zumindest ein einmaliges Experiment vor: An der Volksbühne feiern Sie das 20-jährige Jubiläum Ihrer Videoschnipsel-Abende mit einer langen Nacht. Was geschieht da?
Jürgen Kuttner Den ersten Videoschnipsel-Abend habe ich bei einem Volksbühnen-Spektakel über sieben Jahre Mauerfall gemacht: Schnipsel aus ost- und westdeutschen Fernsehsendungen im System-Vergleich. Eigentlich sollte das einmalig sein, ging dann aber immer weiter. Spaß macht es, wenn mir gute Themen einfallen – zum Beispiel neulich ein Abend über W.H.A.M., den weißen, heterosexuellen, alten Mann, irgendwer muss sich ja um den kümmern. Die lange Nacht geht von 21 Uhr bis um sechs Uhr früh, ich wollte einmal länger als eine Castorf-Inszenierung oder eine Castro-Rede werden. Morgens um sechs gibt’s dann Frühstück im Roten Salon. Ich will den allerersten Schnipsel-Abend noch mal machen, mal sehen, was mir 20 Jahre später zu dem alten Material einfällt. Zwischendurch gibt’s Musik und in der ersten Reihe sitzt ein befreundeter Arzt, der mir notfalls eine Adrenalinspritze geben kann, wenn ich schwächle.

DT-Kammer­spiele (Fatzer) Sa 12.11., Do 17.11., Fr 18.11., Do  24.11., 19.30 Uhr, Mi 23.11., 20 Uhr, Eintritt 30, erm. 9 €

Volksbühne (Videoschnipsel) Fr 25.11., 21 Uhr, Eintritt 16 €

Mehr über Cookies erfahren