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"Unterwerfung" am Deutschen Theater

?"Unterwerfung" am Deutschen Theater

Seit Karin Beiers Erstaufführung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg mühen sich die Theater landauf, landab redlich, die Diagnosekraft, den bösen Witz, die komplett desillusionierte Melancholie, vielleicht auch den Skandal-Appeal von Michel Houllebecqs Roman "Unterwerfung" in ihren Bühnenadaptionen des Buches irgendwie zu erreichen. Am Deutschen Theater war Stephan Kimmig für diesen Versuch zuständig. Er ist ihm, trotz eines glänzenden Hauptdarstellers und der klugen Entscheidung, den Roman nicht als literarische Begleitmusik zu den jüngsten Terroranschlägen misszuverstehen, nicht gelungen. Es handelt sich sozusagen um einen Fall redlichen Scheiterns.
Franзois, der depressive Pariser Literaturprofessor, der vom Leben nichts mehr erwartet und infolgedessen auch von der Regierungsübernahme durch moderate Islamisten nicht groß zu erschüttern ist, ist hier zum Pflegefall geworden. Steven Scharf spielt ihn als Schluffi, der seine Tage am liebsten sinnierend im Krankenbett verbringt. Nur der Präsident der Sorbonne (Wolfgang Pregler, der hier arg desinteressiert spielt) ist noch etwas mürrischer als der arme Franзois. Aber weil wir im reichen, dekadenten Europa (und im Deutschen Theater) sind, steht Franзois’ Krankenbett wenigstens in einem weitläufigen, edel beleuchteten Saal, über dem sich langsam und arg symbolschwer die Decke ­herabsenkt (Bühne: Katja Haß). Ja, ja, der Himmel ist leer über dem säkularen Kontinent, es wird langsam eng auf der Wohlstandsinsel Europa. So platte Bilder für Gesellschaftskritik zu halten (und europäisches Selbstmitleid in aller Unbedarftheit mit Gesellschaftskritik zu verwechseln), muss man auch erstmal schaffen.
Franзois erster Auftritt beginnt mit einem Stoßseufzer des fortgeschrittenen Phlegmas: "Ich überlebe schon sehr lange". Danach kann, außer etwas Larmoyanz des Mannes, der die besten Jahre entschieden hinter sich gelassen hat (für den unwahrscheinlichen Fall, dass dieser Franзois überhaupt je gute Jahre hatte), eigentlich nicht mehr viel kommen. Kein Wunder, dass der latente Bürgerkrieg im Frankreich des Jahres 2022 ebenso wie der Wahlsieg des islamistischen Präsidentschaftskandidaten Mohammed Ben Abbes (Camill Jammal) so diffus wie gleichgültig an Franзois vorüberziehen. Eine kleine, harmlose Pointe bastelt Kimmig, wenn der frisch gewählte islamistische Regierungschef wie in einer Fiebervision an Franзois’ Krankenbett tritt. Das sorgt für eine kleine Hommage an den Terror-Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo". Gespenstischerweise ist Houllebeqcs Roman in Frankreich am Tag dieses Anschlags erschienen, also flüstert der Fieberwahn-Islamist: "Je suis Mohammed Ben Abbas." Unfreiwillig komisch wird es, wenn einigermaßen sinnfrei Handkes "Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind ist" einmontiert wird. Kimmigs Inszenierung ahnt vor lauter Sensibilität nichts vom nihilistischen Sarkasmus des Romans. Fataler ist, dass sie Houllebeqcs pessimistische Provokation rückstandslos entpolitisiert.   

    

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

Deutsches Theater Mi 11.5., 20.30 Uhr, Sa 21., Di 31.5., 19.30 Uhr, Eintritt 12-48, erm. 9 Euro

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