Theater

Ulrich Khuon im Gespräch

Ulrich_Khuon_c_David_von_BeckerHerr Khuon, Sie wollten noch vor der Sommerpause über Ihre Vertragsverlängerung am Deutschen Theater entscheiden. Wie sieht’s aus?
Die Kulturverwaltung und ich sind im Gespräch. Das geht gut voran, aber die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen. Es geht um die zweite Stufe des Neubaus der Probebühne, die Fortsetzung der Autorentheatertage und die Stabilisierung des Jungen DT.

Haben Sie jenseits dieser Fragen mit dem Gedanken gespielt, Ihren Vertrag nicht zu verlängern?
Eigentlich nicht. Die Verknüpfung in die Berliner Kulturszene hinein, die mir wichtig ist, entwickelt sich. Die Begegnung mit den unterschiedlichsten Szenen, etwa im Rat für die Künste, erlebe ich als spannend. Vieles, was wir hier am Haus wollen, wird ja erst nach und nach sichtbar. Einiges haben wir noch nicht erreicht, anderes sehr wohl – zum Beispiel mit den Inszenierungen von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, die in der kommenden Spielzeit wieder hier inszenieren werden, zum ersten Mal auf der großen Bühne.

Es wirkt ein wenig, als seien Sie nicht recht in Berlin angekommen, trotz Kuttner und Kühnel. Von außen sah es zu Beginn Ihrer Intendanz so aus, als wollten Sie am Deutschen Theater mehr oder weniger bruchlos Ihre Hamburger Thalia-Theater-Jahre fortsetzen, mit weitgehend den gleichen Mitarbeitern in der Leitung des Hauses, mit den Hausregisseuren Kriegenburg und Kimmig, mit vielen Schauspielern aus dem Thalia-Ensemble. Man könnte sagen: Kein Wunder, dass Ihr Theater mit Berlin und Berlin mit Ihnen ein wenig fremdelt.
Wer Theater macht, lebt in Verbindungen, die er fortsetzt, und neuen, die er schafft. Es braucht eine Mischung und neue Begegnungen. Wir wollten das Thalia Theater sicher nicht einfach nach Berlin verlagern. Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich auch in Hamburg bleiben können. Aber bestimmte Arbeitszusammenhänge, die mir wichtig sind, will ich fortsetzen und hier in eine neue Reibung bringen. Mit Regisseuren wie Dimiter Gotscheff oder Michael Thalheimer habe ich schon früher in Hamburg gearbeitet. Beide waren auch schon bei Bernd Wilms, vor meiner Intendanz, am Deutschen Theater, und beide sind sicher in Berlin eher zu Hause als in Hamburg. Das durchmischt sich, auch bei den Schauspielern. Im Ensemble mischen sich Schauspieler, die mit mir aus Hamburg gekommen sind, und Schauspieler, die schon vorher hier waren, mit Kollegen, die von woanders neu dazukommen. Diese Begegnung muss man erst mal hinkriegen.

Es soll ja in Ihrem Ensemble Berliner gegeben haben, die die Hamburger etwas arrogant fanden, und Ex-Hamburger, die sich über Berliner Umgangsformen gewundert haben …
Darüber sind wir hinaus. Solche Heterogenitäten und Reibungen sind auch eine Chance. Es stimmt schon, es wäre schöner gewesen, wenn es schneller gegangen wäre, das hatten wir uns vielleicht auch erhofft. Aber solche Prozesse brauchen ihre Zeit. Ich freue mich, dass Meike Droste oder Sven Lehmann oder Christian Grashof hier spielen, genau so wie ich mich freue, dass Katrin Wichmann oder Judith Hofmann hier spielen. Bei den thematischen Setzungen, den inhaltlichen Verankerungen sind wir noch auf dem Weg, aber mit Projekten wie „Oder Bruch“ und „Clash“ oder Stücken wie „Jochen Schanotta“ haben wir uns auf die Stadt eingelassen.

Ist Berlin für Theater, vielleicht besonders für Ihr Theater, eine nicht übermäßig charmante und empfängliche Stadt?
Das weiß ich nicht. Aber Berlin ist sicher hermetischer, als man denkt. Berlin hat seine eigenen Selbstsortierungsmechanismen. Als Theater- und Kulturstadt ist Berlin von einem riesigen Angebot sehr verwöhnt. Wie man selber vielleicht eher langsam ankommt, wird man vielleicht auch nur langsam angenommen. Aber Qualitäten, die offensichtlich sind, nimmt das Publikum sofort wahr. Vielleicht ist unser Weg in die Stadt etwas länger, aber diese Zeit will ich mir nehmen. Ich bin eben ein langsamer Brüter.

Am Hamburger Thalia Theater hatten Sie deutlich größere Erfolge als in Ihren ersten drei Jahren am Deutschen Theater. Ganz zufrieden können Sie nicht mit dem Erreichten sein, oder?
Ich stelle mich nicht nach drei Jahren entspannt hin und sage, alles ist wunderbar. Ein paar Big Points mehr, als wir bisher erreicht haben, wären ganz schön.

Big Points ist ein gutes Stichwort: Viele der wichtigsten Aufführungen im Repertoire stammen noch aus der Zeit Ihres Vorgängers: Gotscheffs „Perser“, Jürgen Goschs Tschechow-Inszenierungen, Thalheimers „Faust“ …
Bei Goschs Inszenierungen haben wir eine Verpflichtung, sie weiterzuspielen, finde ich. Das ist wie ein Vermächtnis.

Ich finde es ganz wunderbar, dass Sie diese Aufführungen im Repertoire halten. Schade, dass Ihnen in Ihren ersten drei DT-Jahren kaum vergleichbare kluge, sensible und ausstrahlungsstarke Produktionen gelungen sind. 
Kimmigs Inszenierung „Kinder der Sonne“, Schimmelpfennigs „Die vier Himmelsrichtungen“, „Diebe“ von Dea Loher in der Regie von Andreas Kriegenburg, Jette Steckels Inszenierung „Die schmutzigen Hände“, Dea Lohers „Unschuld“, Regie: Thalheimer – das müssen Sie ja vielleicht nicht alles mögen, aber das sind auf jeden Fall markante Geschichten. Gotscheffs und Thalheimers ältere Inszenierungen, die Sie genannt haben, schätze ich sehr, aber inzwischen sind Gotscheff mit „Krankenzimmer Nr. 6“ und Thalheimer mit den „Webern“ und „Unschuld“ wieder ähnlich starke Arbeiten gelungen.

Eine der spannendsten Produktionen Ihrer ersten drei DT-Jahre war Nicolas Stemanns Inszenierung „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. Schade, dass es Ihnen nicht gelungen ist, Stemann an Ihrem Theater zu halten.
Das finde ich auch. Ich habe schon, als ich noch in Hamburg war, regelmäßig und gerne mit ihm zusammengearbeitet. Dass er derzeit nicht am Deutschen Theater inszeniert, hat sicher viele Gründe, aber es gibt keine Missstimmung oder Enttäuschung über uns.

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