Politisches Theater

Utopische Realitäten am HAU

100 Jahre Revolution: Das HAU fragt mit einem Festival nach den „Utopischen Realitäten“

Foto: Nadja Krüger
Foto: Nadja Krüger

„Die Utopie wird immer besser, je länger wir auf sie warten“, heißt es in einem Film von Alexander Kluge. Entsprechend dieser Logik widmet sich das HAU gemeinsam mit dem Haus der Kulturen der Welt ein Jahrhundert nach der glorreichen Oktoberrevolution den „Utopischen Realitäten“ und erinnert an die sowjetische Kommunistin und Feministin Alexandra Kollontai. Die Moskauer Kritikerin und Kuratorin Marina Davydova verwandelt das HAU 3 in eine Groß-Installation („Eternal Russia“), eine performative Passage durch ein russisches Jahrhundert seit der gescheiterten Revolution 1905 und die Dialektik von utopischen Aufbrüchen und realgeschichtlicher Diktatur von Lenin bis Putin (HAU 3, Do 12.– So 15.1., Do 19.–So 22.2.).
Vom anderen Ende der Welt, aus Argentinien, kommt der Regisseur Mariano Pensotti. Seine Inszenierung „Arde brillante en los bosques de la noche / Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“ eröffnet das Festival (HAU 1, Do 12., Sa 14.1, 19 Uhr, Sa 13.1, 21 Uhr, So 15.1., 17 Uhr). Auch Pensotti fragt, was von den Utopien geblieben und ob sie mehr sind als romantische Träumereien, weltfremde Illusionen oder historische Restbestände.
Eine seiner Figuren, eine Professorin, gibt Seminare zur Russischen Revolution, auch wenn sie ehrlich genug ist, zu wissen, dass in ihrem Leben revolutionäre Gedanken keine Rolle mehr spielen. Eine andere Frau, eine Militante, die in einer Guerillabewegung Südamerikas gekämpft hat, kehrt nach Europa zurück, das ihr fremd geworden ist. Die dritte Protagonistin hat als Journalistin Karriere gemacht und reist in den Norden Argentiniens, wo sie Nachfahren von russischen Emigranten begegnet, die nach der Revolution 1917 vor den Bolschewisten geflohen sind. Ihre Enkel verdienen jetzt als Sexarbeiter ihr Geld. Pensotti verbindet diese Biografien miteinander und beleuchtet die Frage nach den Vorstellungen einer anderen Welt und einer utopiefernen Realität. „In Argentinien hat es sehr viele Tote im Namen des Kapitalismus gegeben“, sagt der Regisseur. „Wir sind heute in einem Moment, in dem es gesellschaftlich keinen Raum mehr zu geben scheint, um eine Utopie zu denken.“

HAU 1–3 Festival „Utopische Realitäten“, Do 12.1.–So 22.1., Details zum Programm

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