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„Väter und Söhne“ in den DT-Kammerspielen

Die Konflikte zwischen Eltern und Kindern sind für die Beteiligten oft belastend, für Außenstehende hingegen manchmal durchaus komisch. Das zeigt sich in Iwan Turgenjews Roman „Väter und Söhne“, der 1862 erschien und in der Zeit entstand, als in Russland unter Zar Alexander II. die Leibeigenschaft aufgehoben wurde. Er spiegelt neben den sozialen Um-brüchen im großen Gefüge der Gesellschaft auch die Auswirkungen bis in die einzelnen Familien hinein.
Am Beispiel der beiden Studenten Arkadij und Bazarow, die nach längerer Zeit aus Petersburg wieder zu ihren Eltern hinaus aufs Land fahren, werden politische Diskurse zu energischen privaten Belangen. Die jungen Männer haben sich der neuen Strömung des Nihilismus verschrieben, stehen den traditionellen Werten sehr kritisch gegenüber und wollen alles abschaffen, was nach ihrer Meinung keinen Nutzen bringt: Umgangsformen, Moral, Kunst. Am Schluss ist einer von ihnen glücklich verheiratet, der andere, vielleicht nicht ungern, gestorben.
In den Kammerspielen des Deutschen Theaters bringt Daniela Löffner „Väter und Söhne“ als Stück des irischen Dramatikers Brian Friel nach dem Roman von Iwan Turgenjew auf die Bühne, um welche die Zuschauer auf eigens errichteten Tribünen an vier Seiten sitzen. Die Personen rücken nahe an das Publikum heran, tragen vorwiegend heutige Kleidung, sprechen fast wie wir. Sie hören Mozart und Laurie Anderson, tafeln mit Stil, trinken voller Hoffnung, geraten böse aneinander, verfehlen einander melancholisch, wissen einerseits nicht, was sie wollen, wissen es andererseits nur zu gut – und können es nicht tun. Die Inszenierung hat schöne Einfälle für die Details und behält dabei dennoch die künstlerische Übersicht. Oliver Stokowski als Arkadijs Onkel Pawel etwa, ein maliziöser Bonvivant, lässt sich von den zornigen jungen Männern nicht die Rechthaber-Butter vom Disput-Croissant nehmen. Und wenn Kathleen Morgeneyer als Katerina den baumhohen Arkadij küssen will, steigt sie eben schnell auf einen der Gartenstühle.
Mit ihren rund vier Stunden ist die Aufführung für dieses komplex ineinander verschachtelte Panorama nicht überdehnt, im Gegenteil: Daniela Löffner weiß die Zeit zu nutzen, um die Figuren plastisch lebendig werden zu lassen und den Auseinandersetzungen, Sehnsüchten, Macht- und Ohnmachtverhältnissen ausreichend Zeit und Platz zu geben, sich nachvoll-ziehbar und berührend zu entwickeln. Und wie die räumliche Situation Zuschauer und Akteure verbindet, tut es bald auch die inhaltliche Ebene, auf der man historische wie ganz und gar gegenwärtige Probleme erkennen kann. Mit dem eindrucksvoll harmonierenden Ensemble um Alexander Khuon (Bazarow), Bernd Stempel (Wasilij, Bazarows Vater), Marcel Kohler (Arkadij) und Helmut Mooshammer (Nikolaj, Arkadijs Vater) gelingt Daniela Löffner eine sehr konzentrierte, erzählerisch ausgewogene und immer wieder höchst amüsante Inszenierung, die den langen Abend unangestrengt und spielerisch zu einem kurzweiligen Vergnügen macht.

Text: Irene Bazinger

Foto: Arno Declair

Deutsches Theater Kammerspiele
Sa 2., So 10., Mo 11., Mi 20.1., 19.30 Uhr, ?Karten-Tel. 28 44 12 25

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