• Kultur
  • Theater
  • Verpfuscht: Schlöndorffs Tolstoi im Schloss Neuhardenberg

Theater

Verpfuscht: Schlöndorffs Tolstoi im Schloss Neuhardenberg

Volker_SchloendorffLew Tolstois autobiografisches Ideen- Selbstabrechnungs- und Anarcho-Aussteiger-Drama „Und das Licht scheint in der Finsternis“ ausgerechnet im schönen, von Peter Joseph Lennй mit aller Raffinesse höfischer Gartenarchitektur angelegten Park am Schloss Neuhardenberg aufzuführen, zeugt von einer einigermaßen abgründigen Ironie oder von robuster Komplettignoranz.
Die Hauptfigur des Fragment gebliebenen Bekenntnis-Dramas, geschrieben um die vorletzte Jahrhundertwende, wenige Jahrzehnte vor der russischen Revolution, ist unschwer als Alter Ego des Autors zu erkennen: Der Großgrundbesitzer Nikolai Iwanowitsch haust in der russischen Provinz auf seinem riesigen Gut und hat (vor Stückbeginn) ein christliches Erweck-ungserlebnis, das er in eine ziemlich konsequente Abrechnung mit einer Welt weiterdenkt, in der seinesgleichen wie faule Parasiten auf Kosten der geschundenen Armen, Lakaien und Bauern im Luxus leben: soziale Ungleichheit und das Elend der anderen als moralischer Skandal, den der sich radikalisierende Gott- und Sinnsucher zunehmend weniger erträgt, genau wie das gegen solche Zweifel an der Weltordnung unempfindliche Geplapper seiner Gattin, seiner Kinder und ihrer Upperclassfreunde.

Am Ende will er, genau wie Tolstoi selbst wenige Jahre später, nur noch weg, raus aus dem sinnlos-zynischen Luxus der Dekadenz, hin zum vermeintlich gottgefälligen einfachen Leben. So ein Stoff könnte heute leicht verdreht und etwas überspannt wirken, aber im Park am luxuriös renovierten Schloss samt FünfSterne-Hotel mitten im Provinzniemandsland von Mecklenburg, gesponsert vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband, mit freundlicher Unterstützung von VW, und (am Premierenabend) vor einem gut parfümierten Westberliner Besserverdienenden-Publikum wie aus dem Bilderbuch – ja, da bekommt Tolstois thesenhaft vorgebrachter Moral-Amoklauf dann doch seinen ganz eigenen Reiz und eine hübsche Dosis Realitätsgehalt.

Es hätte also ein aparter Abend im Park werden können, wenn dem Arrangeur Volker Schlöndorff mehr eingefallen wäre als ein zähes Rumstehtheater, in dem die Darsteller ziemlich ziellos und motivationsschwach ihre Dialoge abrattern. Der Großgrundbesitzer-Aussteiger und seine Gattin sind mit Hans-Michael Rehberg und Angela Winkler zwar prominent besetzt, bleiben aber angesichts des allzu routiniert runtergespulten Spiels recht konturlos. Das übrige Ensemble streift gelegentlich die Grenze zur Liebhaber-Auffüherung, einzig Rehberg und Max Hopp gelingen einige lebendige Szenen. Dankbarer Beifall.

Text: Peter Laudenbach
Foto: Harry Schnitger

(Uninteressant)

Und das Licht scheint in der Finsternis
Schloss Neuhardenberg (Adresse + Googlemap)
Do 20. bis So 23.8.
Karten-Tel. 03 34 76-60 07 50

Mehr Theater:

INTERVIEW MIT VOLKER SCHLÖNDORFF

REZENSION: „NK TAXI DRIVER“

REZENSION „DER STURM“

THEATER UND BÜHNE IN BERLIN VON A – Z

Mehr über Cookies erfahren