Agitprop

„Verräter“ am Maxim Gorki Theater

Homophobe Horror-Clowns: Falk Richters macht sich mit „Verräter“ wieder mal über Rechtsradikale aller Art lustig

ute langkafel/ maifoto

Falk Richter widmet sich in „Verräter“, dem jüngsten Produkt seiner Serienproduktion aufgeregter Agitprop-Stücke, den derzeit üblichen Verdächtigen. Wenn Nazis, Trump, Erdoğan, Putin und andere homophobe Horror-Clowns sonst schon zu nichts gut sind, dienen sie wenigstens zuverlässig als Geschmacksverstärker und Bedeutungsaufpumper für ansonsten eher belanglose Theaterabende. Mag der Erkenntnisgewinn auch gegen Null gehen, garantieren sie zumindest den Polit-Hintergrund, vor dem das Hipster-Bühnenpersonal die eigenen Befindlichkeiten ausbreiten kann. Die Statements sind in ihrem robusten Schwarzweiß-Weltbild etwa so differenziert und zurechnungsfähig wie die Parolen einer Pegida-Demonstration.

Das überstrapazierte Mittel der authentisch autobiographischen Erzählung der Darsteller führt neben viel eitlem Leerlauf immerhin zu einer der wenigen interessanten, weil beobachtungsgenauen Passagen des Abends: Mareike Beykirch berichtet vor abgefilmter Plattenbau-Hochhauslandschaft von einer Jugend in der ostdeutschen Provinz und von der sozialen Scham der Aufsteigerin. Angekommen im Berliner Hochkulturbetrieb, ist der Schauspielerin ihr in Hartz-IV-Dauerwarteschleifen abgerutschtes Herkunftsmilieu so peinlich wie ihr eigener Aufsteiger-Status.

Das könnte an die Diskussion um den Verrat des arrivierten linksliberalen Kultur-Bürgertums an Sozialverlierern anknüpfen, die spätestens mit Didier Eribons autobiographischem Soziologie-Essay „Rückkehr nach Reims“ eingesetzt hat. Richter zitiert Eribon dann auch im Verlauf des Abends, aber nur, um sich darüber lustig zu machen, dass dessen Buch als Stoff für eine internationale Großproduktion mit Starbesetzung sicher ein schöner Theatererfolg wäre.

Nicht nur weil Thomas Ostermeier mit seiner Theaterfassung von Eribons Essay Anfang Juli in Manchester Premiere hat, ist Richters Polemik peinlich: Sie zeigt neben dem wachen Konkurrenzbewusstsein gegenüber anderen Regisseuren vor allem, dass jedes verhandelte Thema vor allem unter Gesichtspunkten der theatralischen und kulturbetriebstauglichen Verwertbarkeit benutzt wird.

Dazu passt das Spiel mit der Selbstreferentia­lität, die sich vor allem für den Theatervorgang selbst, weniger für die mit ihm verhandelten Themen interessiert. Das ist halb-lustig und nicht ungeschickt bei der Gorki-Regie-Kollegin Yael Ronen abgeschaut, wenn ein fürchterlich deutscher Dumpfbackenperformer (souverän vorgeführt von Daniel Lommatzsch) am liebsten ein Musical über den Holocaust machen will („so im La-La-Land-Stil“). Er ist sehr enttäuscht, als er zu Recherchezwecken die israelische Schauspielerin Orit Nahmias nach ihren persönlichen und familiären Erfahrungen mit dem Holocaust befragen will und sie seinen voyeuristischen Interessen nicht mit authentischem Biografie-Rohstoff dienen kann. Bei aller Sympathie für die Spielfreude der Darsteller – ein Höhepunkt in Richters Schaffen ist der Abend nicht.

Maxim Gorki Theater Sa 17.6., Mi 28.6., 19.30, Eintritt 10–34 €

Mehr über Cookies erfahren