Theater

Vertrasht: „Die Soldaten“ an der Volksbühne

Die_Soldaten_an_der_VolksbuehneAm Ende sitzen sie nur noch verloren da und warten darauf, abgeholt zu werden. „Die letzten 20 Minuten haben mich zehn Jahre älter gemacht“, murmelt der alte Graf (Harald Warmbrunn). Es ist, nach den drei Stunden der arg zähen und rumpeligen Aufführung, der Satz des Abends. Das Gegenüber des Grafen, eine prächtig verlebte Matrone (Volker Spengler), hat sich offenbar aus einem anderen Stück in diese Tristesse verirrt. Die Dame scheint schon eine Ewigkeit darauf zu warten, dass endlich was geschieht: „Man sagt, Godot hätte kommen wollen.“ Wir sind nicht bei Beckett, aber trostlos ist Frank Castorfs Inszenierung der „Soldaten“ des Sturm-und-Drang-Dramatikers Jakob Michael Reinhold Lenz trotzdem. Und das liegt leider nicht an dem so komischen wie abgrundtief bitteren Stück des Goethe-Zeitgenossen, Goethe-Verehrers und Goethe-Antipoden Lenz, sondern daran, dass diese Castorf-Inszenierung über weite Strecken wie die von einem Bauerntheater aufgeführte  Imitation einer Castorf-Inszenierung wirkt. Die Bühne: leer bis auf alberne, tapetenbespannte Stellwände, die mehr oder weniger sinnlos hin und her geschoben werden. Die Darsteller sind auf ihr reichlich verloren.

Die_Soldaten_an_der_VolksbuehneMan sieht immer noch Spuren von Castorfs Talent, man ahnt, was für ein toller Abend das mit guten Schauspielern hätte werden können. Aber die Laienspielschar aus aufgedunsenen Zombies und routinierten Langweilern serviert die Szenen mit einer Müdigkeit, die sich dann auch zügig der auf Seesäcken im Parkett gelagerten Zuschauer bemächtigt. Alles, was hier dringend nötig wäre, fehlt: Leichtigkeit, Tempo, Spielintelligenz. Stattdessen: ziellos ausgewalzte Szenen, Selbstzitate und nackte Männer, die das Lied der Moorsoldaten singen. Selbst der kraftvolle Frank Büttner als Pastor Eisenhardt, die berührend traurige Bärbel Bolle und die nicht unbegabte Margarita Breitkreiz als Marie können die Tristesse nur für Momente beleben.   
Große Ausnahme: Die Opern­sängerin Ruth Rosenfeld, die nicht nur, am Flügel begleitet vom kongenialen Volksbühnen-Musiker Sir Henry, Passagen aus Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ singt, sondern in ihren überdrehten Tanzeinlagen genau die Dosis Spielfreude, Über­mut und Aberwitz hat, die dem Restensemble fehlt.

Text: Peter Laudenbach
Fotos: Thomas Aurin

(tip-Bewertung: Annehmbar)

Termine: Die Soldaten
in der Volksbühne
Fr 5.3., Do 11.3., 19.30 Uhr
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